Gedicht zum Thema: Welt

Weltmelodie

Die Seele schafft die Worte sich zur Welt,
Wie uns das eigne Herz den Busen schwellt.
Die Liebe schafft die Worte sich zum Leide,
Die Jugend schafft die Worte sich zur Freude.
Propheten, Dichter suchten sich die Welt
– Den Todtenstrom, der seinen Sang behält –
In Worte auszulösen, zu erklären
Seit alter Zeit, und ewig wirds so währen.
Der Mensch wird dieser Welt gewaltig sein,
Und Jeder singt zu ihr sein Wort allein,
Sein eignes Wort zu ihrer Melodie;
Kein Fremder giebt ein bessres nie uns, nie!

Drum singet selbst der große Sternen-Chor
Kein Wort vom Himmel froh der Erde vor!
Sie ehren jedes Menschen eignes Herz
Und ehren jedes Kindes eignen Schmerz,
Wie jeden Laut, wie jeder Blume Duft,
Rein, unerstickt vom Hauch der Himmelsgruft.

Und was, was Ungeheures sängen sie
Zu dieser Welt furchtbarer Melodie!
Denn sie noch würden alles nicht erfassen,
Sie, einzeln, würden vor dem Chor erblassen,
Stumm werden vor dem ungeheuren Wort,
Und jeder schlich' bestürzt sich einsam fort.

Die armen Menschenkinder fassen kaum
Den Text zur Welt als leichten Kindertraum,
Und Menschenworte paßten für das Ohr
Der Sonne nicht, nicht für des Sternen-Chor;
Sie sängen nicht dem kleinen Menschen nach
Sein innres Erden-Lebensungemach.
Drum Jeder macht sich selbst den Text zur Welt
Stets, stündlich, wie das Herz die Brust ihm schwellt;
Wie jede Blume ihren Kelch sich baut,
Und jeder Wind weht mit dem eignen Laut.
Zur Frühlingsmelodie der Sonne macht
Der Kuckuck sich den Text, tief ausgedacht!
Die alte Frau macht flugs zum Donnerklange
Den Text in einem frommen Wort sich bange;
Schneekönig macht, bei Wilkenschnee-Gesicker
Den wahren Text dazu in Luftgeschnicker
Zum Schlafe macht das Kind den Text mit Gähnen,
Zum Tode macht der Mensch den Text mit Thränen;
Sein tiefstes Wort sind seine stummen Klagen,
Die blassen Wangen und das Herzverzagen,
Die öde Ruh, die kalte Weltversäumniß —
Und jedes Herz ist klar sein Weltgeheimniß.
Und zu der alten Todesmelodie
Gebricht das neuste Wort Beraubten nie.
So saust der große Sturm am Himmel fort
Und jeder Mensch ist selbst dazu das Wort.

Den Armen weh! der Andrer Worte borgt
Zu Liebe, Leben, was er hofft und sorgt,
Zu Schmerz und Tod, zu Freude und Genügen –
Er ist der Erde Lügner und die Lügen!
Du aber wirst des Himmels Wahrheit sein,
Schaffst du zu deinem Loos dein Wort allein.

Leopold Schefer

(1784 - 1862), deutscher Lyriker, Novellist und Komponist

Quelle: Schefer, Hausreden, 1855. Originaltext