Gedicht zum Thema: Wehmut

An einem Grabe

Dem Armen, der gebeugt vom Jammer,
Dem Reichen in der gold'nen Kammer,
Uns Allen naht der Tod und schwingt
Den Hammer,
Und was im Herzen klagt und singt,
Verklingt.

Was Großes auch der Mensch empfinde,
Was er erstrebe was er finde:
Sein Thun und Denken sind nur Rauch
Im Winde; –
Der höchste Ruhm, was ist er auch?
Ein Hauch!

Will ich damit den Schmerz vergleichen,
Die Noth, der Hoffnung früh Verbleichen,
Fühl' ich den Muth zum Leben fast
Entweichen:
Dann wünsch' ich oft von so viel Last
Mir Rast.

Wohl dem, der mit den Spielgenossen,
Den Rosen, deren Duft zerflossen,
Sobald der Lenz das Augenlid
Geschlossen,
Im ersten Kuß, beim ersten Lied
Verschied!

Heinrich Leuthold

(1827 - 1879), Schweizer Dichter und Epiker, Mitglied des Münchner Dichterkreises und Übersetzer französischer Lyrik

Quelle: Leuthold, Gesammelte Dichtungen in drei Bänden. Eingeleitet und nach den Handschriften herausgegeben von Gottfried Bohnenblust, Huber & Co., Frauenfeld 1914. Originaltext