Gedicht zum Thema: Liebeskummer

Um Scherben

Ich habe vor wenig Tagen
Ein kleines Mädchen geseh'n,
Das hat eine Puppe getragen,
Gar sonderlich anzuseh'n.

Das Püppchen war umschimmert
Von Sammet und Seide licht,
In Scherben aber zertrümmert
War ganz sein liebes Gesicht.

Und dennoch mit seltsamer Güte
Hegte sein Spielzeug das Kind,
Als ob es erst recht nun hüte
Die Trümmer, von Liebe blind. –

So hat auch mein Herz getragen
Der Liebe kindischen Traum,
Und nun er in Scherben zerschlagen
Versteh' ich und fühl' es kaum.

Und schmücke mit Liedern noch immer
Ihr letzt' armseliges Stück,
Und hüte noch immer die Trümmer
Von einem zerbroch'nen Glück.

A. de Nora

(1864 - 1936), Pseudonym für Anton Alfred Noder, deutscher Arzt und Dichter

Quelle: de Nora, Gedichte. Aus: Stürmisches Blut. Hundert Gedichte von A. De Nora, Verlag von L. Staackmann, Leipzig 1905