Gedicht zum Thema: Freiheit

Eispalast (2)

Die ihr Völker heil'ge abdämmet von der Freiheit Meer: –
Ausmündend bald, der Newa gleich, braust sie und jubelt sie einher!
Der Winterfrost der Tyrannei stolz vom Genicke schüttelt sie
Und schlingt hinab, den lang sie trug, den Eispalast der Despotie!

Noch schwelgt ihr in dem Blitzenden, und tut in eurem Dünkel, traun!
Als käme nun und nie der Lenz, als würd' er nun und nimmer taun!
Doch mählich steigt die Sonne schon, und weich erhebt sich schon ein Wehn;
Die Decke tropft, der Boden schwimmt – o, schlüpfrig und gefährlich Gehn!

Ihr aber wollt verschlungen sein! Dasteht ihr und kapituliert
Lang erst mit jeder Scholle noch, ob sie – von neuem nicht gefriert!
Umsonst, ihr Herrn! Kein Halten mehr! Ihr sprecht den Lenz zum Winter nicht,
Und hat das Eis einmal gekracht, so glaubt mir, daß es bald auch bricht!

Dann aber heißt es wiederum: – Abwärts mit brausendem Erguß,
Abwärts durch Schnee und Schollenwerk drängt sich und macht sich Bahn der Fluß!
Die letzten Spuren seiner Schmach malmt er und knirscht er kurz und klein –
Und flutet groß und ruhig dann ins ewig freie Meer hinein!

Ferdinand Freiligrath

(1810 - 1876), deutscher Dichter, Vorkämpfer für Freiheit und Demokratie, schrieb politische und soziale Gedichte

Quelle: Freiligrath, F., Gedichte. Ça ira!, 1846. Originaltext