Gedicht zum Thema: Berlin

Berliner Drehorgellied

Ich stehe hier am Leipziger Platz
wohl hinter meinem Kasten.
Wer mich in Feldgrau sieht, den hats
bedrückt mir schweren Lasten.
Seht auch das ganze Reich kaputt,
ich dreh die Kurbel rum –
Didel nut, nut, nut, didel nut, nut, nut,
didi nutnut, nutnut –
Schrumm!

Der Spartakus, der Spartakus,
der möcht uns gern regieren;
er will bei diesem Friedensschluß
die Leut noch kujonieren.
Im ganzen Kriege schoß er nicht
soviel um sich herum
wie hier, nut, nut, an einem Tag –
Didel nut, nut, nut – Schrumm! schrumm!

Kamerad weißt du noch? im August?
Man trieb uns in den Graben.
Glüht euch die Freiheit in der Brust?
Ich will Moneten haben.
Was achtundvierzig heilig war,
ist heut Spektakulum.
Ich will den Umsturz gleich in bar –
Didi nutnut, nutnut – Schrumm!

So steh ich hier am Leipziger Platz
und laß die Walzer klingen.
Wer mich in Feldgrau sah, den hats
gepackt: wer steht in Bingen?
Liegt auch mein Vaterland in Schutt,
bekümmert ihr euch drum? –
Didel nut, nut, nut, didel nut, nut, nut,
didi nutnut, nutnut –
Schrumm!

Kurt Tucholsky

(1890 - 1935, Freitod), Pseudonyme: Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel; dt. Schriftsteller, Journalist, Literatur- und Theaterkritiker der Zeitschrift "Die Schaubühne" (später umbenannt in "Die Weltbühne"), zählt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik

Quelle: Tucholsky, Werke 1907-1935. In: Ulk, 17.01.1919, Nr. 2/3 (Theobald Tiger)