Gedicht zum Thema: Liebe

Sieg

Zum ersten Male ist sie heut' gegangen
Als junge Christin zum Altar des Herrn;
Die dunklen Worte, die vorher erklangen,
Sie hielten ihr die ganze Erde fern;
Ein Todesschauer bleichte ihre Wangen
Und fast verglimmte ihres Auges Stern,
Denn, wer nicht würdig ißt und trinkt, so spricht
Gott selbst, der ißt und trinkt sich das Gericht.

Und dennoch hat sie heut' sich mir ergeben,
Wo jegliche Empfindung ihr's verbot;
Sie wagte einmal, ihren Blick zu heben,
Da sah sie mich und wurde wieder roth;
Nun nahte sie sich dem Altar mit Beben
Und nahm nur noch mit Angst das heil'ge Brot,
Und als sie auch verschüttete den Wein,
Da jauchzte ich: sie ist auf ewig mein!

Friedrich Hebbel

(1813 - 1863), Christian Friedrich Hebbel, deutscher Dramatiker und Lyriker

Quelle: Hebbel, F., Gedichte. Ein frühes Liebesleben, 3. Entstanden 1856. Originaltext