Gedicht zum Thema: Unschuld

3.

Es saß ein Kindlein im weißen Kleid,
Ein Kränzlein trug es der Herrlichkeit
Von Rosen und Lilien schön gewunden,
Solche Blumen sind nicht auf Erden erfunden;
Auch war das Kindlein schön und süß,
Als käm' es aus dem Paradies.

Und wer das liebliche Kindlein sah,
Dem wunderbarliche Lust geschah,
Als wär' er zum Himmel schon hoch erhoben
Und hörte Gott Vater von Engeln loben
Und säh' die Stern' im Jubelring
Lobpreisen den Schöpfer aller Ding'.

Wohin das liebliche Kindlein kam,
Alle Zwietracht plötzlichen Abschied nahm,
Und Liebe und Friede und stille Freude,
Als wär' es schon Himmel, erfreut' die Leute.
Das Kindlein lieb, das dies getan,
Gleich Gottes Engel all' empfahn.

Das Kind auf Erden die Unschuld heißt,
Im Himmel auch ist es hoch gepreist
Vor heiligen Mächten und hohen Thronen,
Die rings um den Höchsten im Lichte wohnen,
Steht Gott zunächst zur rechten Hand
Und wird sein Liebling dort genannt.

Denn alles Schöne geworden ist
Durch Kindereinfalt zu jeder Frist,
Die Sonnen und Monden und hellen Sterne,
Die leuchten und winken aus weiter Ferne,
Der Blumenkeim, das Menschenherz:
Drum will es alles himmelwärts.

Das Kindlein hab' ich gekonterfeit
Mit seinem Kränzlein und weißen Kleid,
Daß Glaube und Sehnsucht der ewigen Liebe
Uns brünstig zum Himmel der Freuden hübe:
Denn wer das Kindlein zu sich hält,
Dem ist das Herz gar wohl bestellt.

Besonders Kindelein fromm und zart
Und holden Mägdlein von stiller Art,
Auch helles Gespiegel den reinen Frauen
Ich habe dies Bildchen gestellt zu schauen,
Daß drin sie spat und frühe sehn
Und werden gleich der Unschuld schön.

Ernst Moritz Arndt

(1769 - 1860), deutscher Professor für Theologie und Verleger, wegen seiner antinapoleonischen Flugschrift "Geist der Zeit" 1806-1809 im Asyl in Stockholm

Quelle: Arndt, E. M., Gedichte. Reime aus einem Gebetbuche, 1808