Gedicht zum Thema: Traum, Träumen

Der Traum

Er kam von Nirgendwo, er nahm mir leise
der Dinge Metermaß und Stundenglas
und gab mir, was ich lange schon vergaß,
zurück in wundersam verzerrter Weise:

Was einst ich stammelnd schrieb zu deinem Preise,
wird nun ein Jauchzen ohne Ziel und Maß –
oh deine Nacktheit, die ich nie besaß,
tanzt um mich weiße fieberwilde Kreise!

Sie tanzt –! du rast, du bist ganz tolle Glut,
umwogt von deines Haars wildgoldnen Strähnen
umkreist mich deine liebesgierige Wut

gleich einem Roß mit sturmzerzausten Mähnen – –
oh schönen Traumes heiße Bilderflut,
aus der ich aufwach unter bitteren Tränen!

Gustav Sack

(1885 - 1916, gefallen), deutscher Dichter

Quelle: Sack, Gedichte. Die drei Reiter, in: Gesammelte Werke, Band 2, posthum hrg. von Paula Sack, Berlin 1920