Gedicht zum Thema: Lüge

Willkommen kleine Bürgerin
Im bunten Thal der Lügen!
Du gehst dahin du Lächlerin!
Dich ewig zu betrügen.

Was weinest du? die Welt ist rund
Und nichts darauf beständig.
Das Weinen nur ist ungesund
Und der Verlust nothwendig.

Einst wirst du, kleine Lächlerin!
Mit süsserm Schmerze weinen,
Wenn alle deinen treuen Sinn
Gott! zu verkennen scheinen.

Dann wirst du stehn auf deinem Werth
Und blicken, wie die Sonne
Von der ein jeder weg sich kehrt
Zu blind für ihre Wonne.

Bis daß der Adler kommen wird
Aus fürchterlichen Büschen,
Der Welten ohne Trost durchirrt –
Wie wirst du ihn erfrischen!

Jakob Michael Reinhold Lenz

(1751 - 1792), deutscher Schriftsteller des Sturm und Drang; lernte 1771 Goethe kennen, folgte ihm nach Weimar und wurde 1773 wegen eines nicht überlieferten Vorfalls der Stadt verwiesen

Quelle: Lenz, J. M. R., Gedichte, Berlin 1891. Hier: Entstanden 1777, Erstdruck 1844. Originale Rechtschreibung