Gedicht zum Thema: Lebensfreude

Selig machet, glaubt es nicht, der Glaube,
Selig nicht die Hoffnung, nicht der Traum,
Selig macht die Mitschuld an dem Raube
Süßer Früchte von des Lebens Baum.
Ist Vertröstung Trost?
Labewein der Most?
Glaube, Hoffnung, Traum ist eitler Schaum.

Stürz o Herrliche in starke Arme!
Aug in Auge glüh und Mund auf Mund!
Hier an meiner treuen Brust erwarme,
Küsse, kose, herze dich gesund!
Im Genuß des Glücks,
In des Augenblicks
Vollgenusse wird nur Wahrheit kund.

Seligkeit ist Siegerbeute dessen,
Der sich köstlichen Besitzes freut,
Aber Seligkeit ist im Vergessen,
Im Empfangen, Geben – Seligkeit!
Weiß ich dies allein,
Brecht ihr Himmel ein!
Liebetrunkenen geschieht kein Leid.

Ludwig Eichrodt

(1827 - 1892), Pseudonym Rudolf Rodt, deutscher Schriftsteller, seinen »Gedichten des schwäbischen Schullehrers Gottlieb Biedermeier und seines Freundes Horatius Treuherz« verdankt der Zeitstil seinen Namen ›Biedermeier‹

Quelle: Eichrodt, L., Gedichte. Leben und Liebe, 1856