Gedicht zum Thema: Adel

Ist sie von Adel?

Auf meines Vaters Wapen stehn
Nicht Helme oder Fahnen,
Allein sein Geist war engelschön,
Und meiner Mutter Ahnen:
Ein frommes Herz und guter Sinn:
Wohl mir, daß ich kein Fräulein bin!

Mein Vater scharrte Thaten nur,
Nicht Louisd'or zusammen;
Sein Weib war mild wie die Natur,
Und rasch wie Feuerflammen
Zum Geben, langsam zum Gewinn':
Wohl mir, daß ich nicht reicher bin!

Ein schläfrig Auge, das bei dir
Zuerst sich aufgeschlossen,
Gab die Natur zur Mitgift mir,
Und tausend Sommersprossen
Statt eines Grübchens in dem Kinn':
Doch gut, daß ich nicht schöner bin.

Wär' ich ein Fräulein: Könnt' ich dich
So sehn und Vetter nennen?
Und wär' ich reich: Wie würd' um mich
Der Durst nach Golde rennen!
Und wär' ich schön: das Stutzerheer
Macht' endlich eine Närrin mehr.

Kein Fräulein, und nicht schön, nicht reich,
Ging Eigennutz und Adel
Und Stutzer mir vorbei, denn gleich
Sah jeder meine Tadel.
Nur du allein bliebst vor mir stehn:
Bin ich nicht edel, reich und schön?

Leopold Friedrich Günther von Goeckingk

(1748 - 1828), ab 1768 von Goeckingk, auch Göckingk, deutscher Lyriker des Rokokos, Publizist, kurländischer Legationsrat und preußischer Beamter

Quelle: Goeckingk, Lieder zweier Liebenden, 1777. Originaltext