Gedicht zum Thema: Glück

Der Glückliche

Gar hochgebohren ist der Mann,
Der seinem Willen leben kann,
Deß edler Muth sein Adel ist,
Sein Ruhm die Wahrheit sonder List.

Dem Leidenschaft niemals gebot,
Nicht fürchtet Leben, oder Tod,
Weis seiner Zeit wohl bessern Brauch,
Als fürs Gerücht, der Narren Hauch.

Von Hof und Frohnen frank und frei,
Von Heuchlern fern und Büberei,
Was soll der Schmeichler bei ihm thun?
Auch für'm Tyrannen kann er ruhn.

Er neidet nicht und hat nicht Neid,
Kennt nicht der Thoren Ueppigkeit;
Kennt nicht gestürzten Stolzes Schmach,
Was der für Wunden folgen nach.

Der nicht den Staat, nur sich regiert,
Und harmlos so den Szepter führt,
Mehr gibt, als nimmt, und bittet Gott
Um Dankbarkeit und täglich Brod.

Der Mann ist frei und hochgebohr'n,
Hat Glück und Hoheit nie verlohr'n,
Vor Höhen sicher, wie vorm Fall,
Und hätt' er nichts, so hat er's All.

Johann Gottfried von Herder

(1744 - 1803), deutscher Kulturphilosoph, Theologe, Ästhetiker, Dichter und Übersetzer

Quelle: Herder, Stimmen der Völker in Liedern, 1807 (posthum). Originaltext. Übersetzung aus dem Englischen