Gedicht zum Thema: Gottvertrauen

Ausfluß des Herzens

Oft fühl' ichs um Mitternacht;
Dann stehn mir die Thränen im Auge,
Und ich fall' im Dunkel vor dir aufs Knie, –
Du prüfst mir das Herz, und ich fühl' es noch wärmer.

Heilig ist es – von Gott –
Was im Herzen glüht. Laut ruft es in mir,
Gott! – Laut ruft's dir entgegen. Es dringt
Durch die Gebeine, und auch die Gebeine fühlen's.

Wo ist's, dieß Bild? daß ich's umfasse –
Das Bild Gottes, das meine Seele liebt?
Ich wollt' es durchschauen; mein Arm sollt mit ihm verwachsen,
Und tief prägt' ichs ins Herz.

Ach ein Bild! Gott du hießt es
Den Genius mir vor Augen halten.
Wach ich früh am Morgen, so steht es vor mir;
Leg ich mich nieder, so schwebt es vor meiner Stirn.

Bät' ich zu dir – wenn Himmel und Erde
Um mich vergeh'n – wenn du nur, und ich in dir
Noch bin – dann lächelt dieß Bild in voller Klarheit
Mir entgegen, daß das Herz mir hinweg schmilzt.

Weg! – daß der Strom – er kocht mir im Herzen –
Sich hier vor dem Herrn ergiesse!
Herr! ich will – ach! ich will es noch mehr!
Herr! dieß Verlangen – den himmlischen Zug!

Ach vor dir! ja, nur dir – O, führe mich hin!
Es ist eine Seele, gleich gestimmt mit mir –
Ich bin nicht ganz ohne sie – mit ihr
Eins – soll ich die Ewigkeit genießen.

Herr, ich sahe ein Mädchen – So wie dieß
Müss' ein Mädchen seyn.
Die edle Gottesseele flammt im Auge –
Lieb', Unschuld, Größe, Wärme, Adel!

Ach Gott! – Mich däucht, ich sähe das Bild
Das vor meiner Seele schwebt.
Die ganze Seele fing an sich zu heben,
Noch nie gefühlte heilige Erschütterung

Durchschauert' jede Nerve mir,
Der Geist wuchs. Ich liebte dich reiner,
Ich fühlte mir Kraft, Tugend zu üben,
Wie ich zuvor nie sie gefühlt.

Jakob Michael Reinhold Lenz

(1751 - 1792), deutscher Schriftsteller des Sturm und Drang; lernte 1771 Goethe kennen, folgte ihm nach Weimar und wurde 1773 wegen eines nicht überlieferten Vorfalls der Stadt verwiesen

Quelle: Lenz, J. M. R., Gedichte, Berlin 1891. 99. Entstanden 1777, Erstdruck 1793