Gedicht zum Thema: Heuchelei

Ostelbischer Adel im Zirkus Busch

Er spricht von Gott, indes sein Magen
Noch etwas säuert von Bordeaux,
Er weiß von Jesus was zu sagen, –
Allein der Heiland roch nicht so.

Er stochert dann aus seinen Zähnen
Die letzten Reste Kaviar
Und spricht mit unterdrückten Tränen
Von seines Vaterlands Gefahr.

Von Leuten, die das Volk betrogen
Um seinen kindlich treuen Sinn, –
Da blitzt es in den Karpfenoogen,
Da zittert manches Doppelkinn.

Um seinen Kaiser tiefe Schmerzen,
Ums Vaterland ein arges Weh,
Sie brennen in des Adels Herzen.
Im Maule brennt die Henry Clay.

Und seht nur die Gesichter blühen
In Rot und Blau und Violett,
Und sehet jedes Antlitz glühen
Von Pathos und von Schweinefett.

Ludwig Thoma

(1867 - 1921), deutscher Erzähler, Dramatiker und Lyriker

Quelle: Thoma, L., Gedichte. Veröffentlicht zwischen 1901 und 1912