Gedicht zum Thema: Italien

Parma

Hier war mein Herz schon längst,
In deiner Heimath, o lieblichster Correggio,
Jetzt betret' ich die Bühne deiner Kunst, Holdseliger,
Du, von allen Musen und Grazien,
Von den Göttern geliebter froher, herrlicher Allegri!

Schon seit Jahren nährt mich deiner Begeistrung Wein,
Wie oft schaut' ich in Träumen dein edles Schaffen,
Sprach mit dir, vernahm den Ton deiner Stimme,
Gerührt von deiner Freundlichkeit erwacht' ich.

Hier nun, wo dein hoher Geist
Zwei Tempel mit Pracht und tiefen Sinn geschmückt,
Fehlt mir fast in brünstiger Liebe
Die Kraft und Ruhe, deine Rede ganz zu vernehmen.

Welcher Genius hat dir alle Schätze entriegelt?
Alle Gebilde der Welt traten dir entgegen,
Und gaben sich dir zu eigen, und freundlich
Hast du mit ihnen die frohe Haushaltung getrieben.

Das war ein muntres Getümmel,
Als die lachenden Engelchen dir die Farben reichten,
Hohe Geister dir als Modell in ihrem Adel standen,
Und Musik des Himmels dazu mit Macht erklang.

Sage doch Keiner, er habe Italien gesehn,
Rühme sich Keiner, ihm sei das Höchste vertraut,
Wähne doch Niemand, das Geheimniß der Kunst geahndet zu haben,
Der dich nicht, Parma, und deinen Dom besucht.

Ludwig Tieck

(1773 - 1853), deutscher Dichter, Dramatiker, Kritiker und Theoretiker der Romantik

Quelle: Tieck, L., Gedichte. Originaltext. Entstanden wahrscheinlich zwischen 1795 und 1805