Gedicht zum Thema: Liebe

Himmlische Minne

Es kämmte die Gräfin ihr flutend Haar,
Zur Minne täte sie taugen.
Da wallte vorbei der junge Scholar
Und hub die schmachtenden Augen.

Scholar, halt lieber die Augen in Hut,
Daß sie zu hoch nicht fliegen!
Wer nicht geboren aus Adelsblut,
Darf keine Gräfin kriegen./

"Und ist mein Schatz auch hoch und fern,
Mein Minnen soll daran hangen,
Wie ich liebe des Himmels höchsten Stern;
Wer mag ihn zur Erde langen?"/

Scholar, von der Erde gehörst du fort,
Hast schon des Himmels Weihen,
Bist gar so rein wie die Engel dort,
Die lieben, ohne zu freien.

Du Keuscher bist höher geboren denn ich,
Dein Adel reicht über die Fürsten.
O heb mich hinan! Ich fühle mich
Nach himmlischer Minne verdürsten.

Bruno Wille

(1860 - 1928), dt. Theologe, Philosoph und Schriftsteller

Quelle: Wille, B., Gedichte. Der heilige Hain, 1908