Gedicht zum Thema: Schönheit

Ein reines Wesen hat mich an der Stelle
Wo es mich liebend stille angerührt
Mit Heiligkeit erfüllt und zarter Helle.
Und alles, was das Leben zu mir führt
Wird wilde Woge, in der sanften Quelle
Die sich wie Ähnlichkeit in mir verliert.
Ich seh' im Quell die Sterne spiegelnd beben,
Den Spiegel aber wellenabwärts streben.

Es spricht die kalte Schönheit auch aus Dir
Die nichts erzeugt, als ihren eignen Willen
So schön zu sein, und jeder beuget ihr
Den eignen Sinn, ihn mit ihr anzufüllen.

Sie wandelt ewig sich nur schaffend hier.
Und nie kann sie die fremde Sehnsucht stillen.
Sie blickt in sich sich selbst so schön erbauet,
Denn sie erlischt wenn sie ins Leben schauet.

Clemens Brentano

(1778 - 1842), deutscher Lyriker und Erzähler

Quelle: Brentano, C., Gedichte. Aus: Nur einer noch strebt zu dem Himmelsbogen, entstanden 1800, Erstdruck 1936/37