Gedicht zum Thema: Gedicht, Dichter

Der Zauberstab des Dichters schließt uns oft
Die fernsten, wundervollsten Welten auf,
Und trunken kehrt der Blick aus Sonnenschein
Aus fremden Blumen, schöngeformten Bäumen
Und Kriegen, Schlachten zu uns selbst zurück.
Doch fernab, heimlich im Gebüsch versteckt,
Liegt eine alte Grotte, lange nicht
Geöffnet, kaum ist noch die Tür zu kennen.
So dick von Efeu alles überwachsen,
Und wilde Nelken hängen rot herüber,
Und drinnen hört man seltsam leise Töne,
Die manchmal toben und dann musikalisch
Verhallen, wie gefangne Tiere winseln. –
Es ist der Kindheit zauberreiche Grotte,
In der der Schreck und liebe Albernheit
Verschlungen sitzen, dem, der nähertritt,
Ein altes Lied im leisen Tone summen.
Vergönnt dem Dichter, diese Tür zu öffnen,
Hört gerne zu dem lispelnden Gesang,
Der sich in wilden dunkeln Blumen wiegt.
Seht, wie mit Steinen und mit Muschelwerk
Die Wand ein eigensinn'ger Fleiß geputzt,
Wie Schatten auf- und abwärts schweben, laßt
Durch Traumgestalten euch ergötzen, stört
Mit hartem Ernste nicht die Gaukelnden.

Ludwig Tieck

(1773 - 1853), deutscher Dichter, Dramatiker, Kritiker und Theoretiker der Romantik

Quelle: Tieck, Ritter Blaubart. Ein Ammenmärchen in vier Akten, 1797. Prolog