Gedicht zum Thema: Paradies

Du Paradies

O' Paradies, dass ich dich liegen wüsste
An jenem Berge, jener Küste –
Wo die Aufgang-Sonne bluterglüht,
Wo das Nachtgewölbe Sterne sprüht –
O' dass ich's wüsste –

Ich wollte, wie ich bin, aus meinem Alltag,
Nach meinen siebzig Jahren, am Verfalltag,
Gebeugt von schwerem Leben, Arbeit, Sünde,
Noch pilgern in die fernen Morgengründe –
Zu dir, o Paradies – –

Will wandern, wenn die Stadt im Abend dunkelt –
Ein Stern mag sein, der vor dem Wege funkelt – –
Ich warte unter Lichtgewimmel,
Dass der neue Morgenhimmel
Bald erblüht –

Und dann! – Sieh da liegt im Gottesmorgen
Das gelobte Land! Friedestill, verborgen
Hinter Bäumen, schimmert die Goldblumenwiese –
Und – da steh ich schon in Sonne vor dem Paradiese
An der Pforte –

Da tut sich urschön auf der Herrgottsgarten,
Und meine siebzig Jahre warten,
Dass aus dem Blumengrund ein selig Leuchten käme,
Die Pforte öffne und an die Hand mich nähme
Wie einst als Kind.

Gerrit Engelke

(1890 - 1918), dt. Arbeiterdichter aus Hannover, gefördert von Richard Dehmel, gefallen im Ersten Weltkrieg

Quelle: Engelke, Rhythmus des neuen Europa. Gedichte, 1921