Gedicht zum Thema: Gott

Über ein Porträt Gottes

Heut sah ich le bon Dieu. Es war ein alter Mann,
Man sah ihm ungefähr siebenzig Jahre an.
Trug einen langen Bart und langes Ringelhaar,
Mir schiens, dass er von Zeus ein Ururenkel war.
Der Maler hatte nicht mit seiner Kunst gespart.
Es war das Kolorit sehr klar, sehr fein, sehr zart,
Die Wangen rosig, voll und kirschenrot der Mund,
Lebhaft das blaue Aug, dem gut die Braue stund:
Schön bogenhoch gewölbt und, sonderbar, nicht weiß,
Als thronte Jugend dort. Jedoch: es war ein Greis.
Und dies gefiel mir nicht. Ich dacht an Jupitern
In Rom, der hatte nichts von einem alten Herrn.
Zwar schien auch er bejahrt, doch konnte man wohl sehn:
Das war der starke Freund von Ledan, Omphalen:
Die Wolke und der Schwan, und auch Europens Stier,
Ein Gott für Männer stand: ein Gott-Mann stand vor mir.
Nun hat man ihn entthront, und nichts als Haar und Bart
Hat man von ihm dem Gott von heute aufgespart,
Und diese greisenweiß, dass schon das Bild bedeute:
Dies ist der liebe Gott für pastorale Leute.
Ich bin gewiss, er spricht durchaus wie ein Pastor,
Und seine Welt kommt ihm wie jenem übel vor.
Er kritisiert sich selbst, und er bereut wohl gar,
Dass er einmal so stark die Welt zu schaffen war.
Schüf er sie heute, oh, sie wäre ein Kristall,
Glatt, mathematisch, kalt; zu keinem Sündenfall
Gäb es Gelegenheit auf dieser Form aus Geiste,
Die aus Berechnung müd ein Greis zusammeneiste.

Gott Lob und Dank, die Welt stammt nicht von diesem her,
Und stammt auch nicht von Zeus. Der große Gott ist mehr
Als Greis, ist mehr als Mann. Ich sah auf Götzenbildern,
Die Indien uns gesandt, die zeugende Natur,
Das Eins von Mann und Weib, verworrne Urkraft schildern
Und ahnte, dies ist mehr, als wilde Fratze nur.
Das Volk im Osten ist der großen Wahrheit näher
Als wir entgötterten und müden Europäer,
Die das Urheilige beschmutzen: das Geschlecht.
Europa hat am Stier sich tantenhaft gerächt.

Otto Julius Bierbaum

(1865 - 1910), auch Martin Möbius, deutscher Lyriker, Romanautor und Herausgeber der Zeitschrift »Pen«

Quelle: Bierbaum, O. J., Gedichte. Gesammelte Werke in zehn Bänden, hg. von Michael Georg Conrad und Hans Brandenburg, München (Georg Müller) 1921 (posthum)