Gedicht zum Thema: Welt

Es sind die Sonnen und Planeten, alle,
Die hehren Lebensspender in der Welt,
Die Liebeslichter in der Tempelhalle
Der Gottheit, die sie aus dem Herzen schwellt.

Nur Liebe sind sie, tief zur Kraft gedichtet,
Ihr Lichtruf ist urmächtig angespannt,
Er ist als Lebensschwall ins All gerichtet,
Was er erreicht, ist an den Tag gebannt!

Ein Liebesband hält die Natur verkettet;
Die Ätherschwelle wie der Feuerstern,
Die ganze Welt, die sich ins Dunkel bettet,
Er sehnt in sich den gleichen Ruhekern.

Durch Sonnenliebe wird die Nacht gelichtet,
Durch Glut und Glück belebt sich der Planet,
Die Starre wird durch einen Brand vernichtet,
Vom Meer ein Liebeswind verweht.

Wo sich die Eigenkraft als Stern entzündet,
Wird Leben auch sofort entflammt,
Und wenn die Welt sich im Geschöpf ergründet,
So weiß das Leid, dass es dem Glück entstammt.

So muss die Erde uns mit Lust gebaren,
Und wird auch unser Sein vom Tag geschweißt,
Können doch Sterne uns vom Grund belehren
Und sagen, dass kein Liebesband zerreißt.

Wir sehn das Leben uns die Jugend rauben,
Es ängstigt uns das Alter und der Tod,
Drum wollen wir an einen Anfang glauben
Und schwören auf ein ewiges Urgebot.

Doch ist die Ruhe bloß ihr Ruheleben,
Nichts ist verschieden, was sich anders zeige;
Und vollerfüllt ist selbst der Geister Beben,
Ja, alles die Natur, die sprechend schweigt!

Beständigkeit ist der Gewinn der Starre,
Doch es ereilt, zermürbt sie Ätherwut,
Und bloß der Geist ist da, dass er beharre,
Da er als Licht auf seiner Schnelle ruht.

Es sucht die Welt zwar immerfort zu dauern
Und sie umrundet drum den eigenen Kern,
Sie kann zum Schutz sich selber rings umkauern,
Doch ist ihr Wunsch nicht ewig, sondern fern.

Es mag die Welt das Weiteste verbinden,
Der Geist jedoch, der aus sich selber drangt,
Kann solche Riesenkreise um sich winden,
Dass überall sein Wirken sich verschenkt.

So sind die Welten immerfort entstanden,
Doch da sich Ewiges jedem Ziel entreißt,
Entlösten Sterne sich von Sternesbanden,
Was die Unendlichkeit im Sein beweist!

Ja Liebe, Liebe will sich Welten schaffen,
Bloß Liebe ohne Zweck und ohne Ziel,
Stets gleich, will sie stets anders sich entraffen,
Und jung, zu jung, bleibt drum ihr ewiges Spiel.

Denn glühte durch das All ein Schöpferwollen,
So hätte eine Welt sich aufgebaut,
Und traumlos würden Geister heller Schollen,
Im klaren Sein, von ihrem Dunkelgrund durchgraut.

Theodor Däubler

(1876 - 1934), deutscher Schriftsteller, Wegbereiter des Expressionismus

Quelle: Däubler, Th., Gedichte. Das Nordlicht, entst. 1904-1906 und 1898-1910, ersch. u.a. als "Genfer Fassung" im Insel-Verlag, Leipzig 1921