Gedicht zum Thema: Sterben

Gott, einen Strahl aus deinen Wolken sende
Auf dieser Vorstadt schmerzenreiches Dach!
Hier ringt ein Mensch mit seinem schweren Ende,
Sei gnädig, hilf der armen Seele nach!

Zieh aus der Kinder fesselndem Gewimmer,
Zieh aus des Weibs Umschlingung ihn zu dir.
Herr, säume nicht! Er duldet ja noch immer,
Herr, schläfst du auch? O wache, Herr, mit mir!

Am niedren Fenster schleich ich sacht vorüber,
Noch glimmt der Lampe Docht, wer löscht sie aus?
Sie schimmert durch die Laden, stündlich trüber,
Und Käuzlein flattern um das Sterbehaus.

Hu! Fort von dieser schauervollen Schwelle,
Hier tut ein Andrer Wächterdienst als ich.
Dort lagert er, der schreckliche Geselle,
Und kauert lauernd vor die Türe sich.

Er malt ein Kreuz, ein weißes, an die Schalter,
Er winkt, er klopft ... O Würger, halte an!
Es ist geschehn. Hab Dank, du alter, kalter
Nachtwächtersmann, du hast dein Werk getan!

Franz von Dingelstedt

(1814 - 1881), Franz Freiherr von Dingelstedt, Schriftsteller und Theaterleiter, Meister der politischen Satire, wurde 1851 Intendant des Hoftheaters in München, 1857 Generalintendant in Weimar und 1867 Direktor der Hofoper, 1870 des Burgtheaters in Wien

Quelle: Dingelstedt, Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters, 1841