Gedicht zum Thema: Alltag

Vom kleinen Alltag

1.

Nichts ist so rührend wie die Habseligkeiten
Der Todten, ihre Kleider und Wäsche und alle
Die kleinen verlassenen Gegenstände. Sie liegen
So arm umher und warten, daß wieder Hände
Sie nehmen mit wärmenden zärtlichen Fingern.
Sie frieren so sehr und haben auf einmal Augen,
Die bitten, sie nicht zu verachten. Aber da kommen
Die Menschen, sie teilend nach Wert und Unwert, legen,
Was brauchbar beiseit und häufen das andre zusammen.
So manches findet sich da. Hier hat sich der Tote
Noch neue Brillen gekauft, in seiner Brieftasche
Sind noch Marken und in der Schreibtischlade
Drei, vier Cigarren, gespart für besonderen Anlaß.
Nun nimmt sie der Erbe und prüft sie, ob sie auch trocken.
Dann zündet er eine sich an und raucht sie ...

Anton Wildgans

(1881 - 1932), österreichischer Jurist, Dramatiker und Lyriker; 1921/22 und 1930/31 Direktor des Wiener Burgtheaters, der nach ihm benannte A.-Wildgans-Preis kommt jüngeren österreichischen Autoren zugute

Quelle: Wildgans, Gedichte. Und hättet der Liebe nicht, 1911