Gedicht zum Thema: Wehmut

Und kommt der Wind vom Berge
und macht die Brunnen reg',
dann geh' ich mit der Mutter
den schönsten, kühlen Weg.

Sie weist mir viele Dinge,
sie spricht gelind und klug,
sie schenkt mir eine Blume,
die sie am Gürtel trug.

Sie streichelt meine Wange,
und lächelt meiner Glut;
ich kann mich nur anschmiegen,
wie es ein Kindlein tut.

Sie küßt mich auf die Stirne,
die trostesmilde Frau;
ach, sie zerrinnt – ein Nebel –
ins erste Tagesgrau.

Ich aber wandle heimwärts
und sing', als weilt ich hier;
und alle, alle Menschen,
sie wissen nichts von mir!

Walter Calé

(1881 - 1904, Freitod), deutscher Lyriker

Quelle: Calé, Musik am Abend. Nachgelassene Gedichte, Jan Thorbecke Verlag, Lindau 1948