Gedicht zum Thema: Reden

Junge Liebe
An Mila
6. Stumme Rede

Sprich nicht, laß nicht das süße Schweigen brechen,
Dein Antlitz nur, das fromme, zu mir wende,
Laß deine stummen Lippen, deine Hände,
Laß deines Herzens Schlag nur zu mir sprechen.

Schnell würd' an dir das laute Wort sich rächen,
Es sagte halb nicht, was die Brust empfände,
Ein Schall ist kurz, sein Wirken bald zu Ende,
Es kann des Tiefempfund'nen Sinn nur schwächen.

So viel erfaßt ja nicht die kleine Pforte,
Gefühl und Sprache sind in steter Fehde,
Empfunden, nicht gesagt sein will Entzücken.

Dein warmer Blick sagt mehr, als tausend Worte,
Dein sanft Umschlingen gilt statt langer Rede,
Und alle Sprach' erschöpft dein Händedrücken.

Karl Egon Ebert

(1801 - 1882), deutsch-böhmischer Dichter

Quelle: Ebert, K. E., Gedichte. Natur und Liebe, J.G.Cotta'scher Verlag, Stuttgart und Tübingen 1845