Gedicht zum Thema: Zeit

Zeitlied

Es war eine Zeit,
Da ich mein Leid
Liebte,
Weil mir kein Lieb
Übrig blieb
Als meine betrübte
Seele, die leidgeübte.
Es gab eine Zeit,
Da ich die Einsamkeit
Zu mir lud
Zu Gaste
Und alles Zweisein haßte.
Ich trug nur verblaßte
Bänder am Hut.
Es war eine Zeit,
Da mich würgte der Neid,
Wie ein enges Kleid.
Doch nachts, wenn der Gram
Zu mir kam,
Hab' ich ihn wie ein Kind
Gewiegt,
Das im Fieber liegt
Und sich bangt vor dem bösen Wind.
Dann kam die Zeit,
Die du geweiht
Mit deinen Küssen,
Wo aus Finsternissen
Ein neues Leben
Morgenrot mait.
Einst kommt die Zeit
Der reifenden Reben,
Zeit des Erfüllens,
Des siegenden Willens,
Der Zeitüberwinder,
Der seligen Sünder — —:
Sei bereit!

Hugo Zuckermann

(1881 - 1914), böhmisch-österr. deutschsprachiger Schriftsteller

Quelle: Zuckermann, Gedichte, Wien 1915