Gedicht zum Thema: Morgen, Morgens

Morgenweihe

Das blaue Zwielicht will in Gold zergehn.
Ich höre schon die eichnen Türen schlagen
und frischen Wind vor meinem Fenster wehn.

Nun möchte ich durch das verklärte Land
Sturm laufen und Dir den Frühgruß sagen,
doch eine fromme Scheu hält mich gebannt.

Vielleicht erschreckt mein aufgeregtes Blut
Dein Herz, das von Empfindsamkeit getragen,
noch in den schönsten Purpurträumen ruht.

Will nur wie eine Glocke sein, die sich
durch die gedämpfte Morgenweihe tastet
und leise, leise klingeln: "Liebst Du mich …?"

Indes das Leben fern vorüberhastet.

Paul Zech

(1881 - 1946), deutscher Schriftsteller und Übersetzer

Quelle: Zech, Die eiserne Brücke. Neue Gedichte von Paul Zech, Verlag der Weißen Bücher, Leipzig 1914