Gedicht zum Thema: Sinn des Lebens

NUR ZWEI DINGE

Durch so viel Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewusst,
es gibt nur eines: ertrage
– ob Sinn, ob Sucht, ob Sage –
dein fernbestimmtes: Du musst.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

© Gottfried Benn

(1886 - 1956), deutscher Schriftsteller und Arzt. © Klett-Cotta, Stuttgart

Quelle: Benn, Sämtliche Werke – Stuttgarter Ausgabe, Klett-Cotta. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Band I, Gedichte 1, 1956