Gedicht zum Thema: Liebe

LVII

Dein Sklave bin ich, harrend der Befehle,
und deinem Winke folg ich unbedingt,
und keinen andern Dienst ich mir erwähle
als dir zu dienen, wenn du nur gewinkt.

Verspätet sich der Wink, will ich nicht schelten,
ob mir die Uhr auch allzu langsam ging,
und Trennungsweh laß ich dich nicht entgelten,
wenn ich verschwinden muß auf deinen Wink.

Ich suche nicht mit eifersücht’gem Sinn
mich in dein Tun und Wollen zu vergraben –
doch denk ich an die andern, die Gewinn
von deiner holden Gegenwart nun haben.

Ein solcher Sklav ist Liebe: ihr ist’s Pflicht,
was du auch tust, zu sehn im hellsten Licht.

William Shakespeare

(1564 - 1616), englischer Dichter, Dramatiker, Schauspieler und Theaterleiter

Quelle: Shakespeare, Sonette (Sonnets), 1609. Übersetzt von Karl Kraus, 1933