Gedicht zum Thema: Werbung

Ein Werbetexter stellt klar

Selten sieht man Menschen sich verneigen
vor genialen Kleinanzeigen.
Welch hohe Kunst im Text versteckt,
bleibt meistens völlig unentdeckt
Hingegen sicher ist Applaus
dem lahmsten Klassiker vor leerem Haus.
Der Kritiker lässt uns dann lesen,
es sei wieder mal genial gewesen.

Der Werbetexter, an sich bescheiden,
wird insgeheim darunter leiden,
dass seine Werke nirgendwo
rezensiert im Feuilleton.
Wie glücklich machten ihn zwei Zeilen
und wär’s nur in der FAZ bisweilen.
Obwohl er diese abonniert,
ist seine Hoffnung limitiert.

Vielleicht gibt er sie besser auf,
seine Stärke ist der Schlussverkauf.
Auch fördert er mit zartem Sex
den Fertigsuppen-Kaufreflex.
Hat sein Text mit Milch zu tun,
hört leise man die Flasche muhn
und es quillt die Freudenträne,
besiegt für Aspirin er die Migräne
Er spielt gekonnt mit Emotionen
für den Erwerb von Tchibo-Bohnen
und räumt mit Sinn fürs Rationale
auch hoffnungslose Ramsch-Regale.

Doch wieviel Einsatz er auch zeigt:
Marcel Reich-Ranicki schweigt.
Dieser Fluch trifft ihn zugleich
auch von Elke Heidenreich.
Die halten nichts von Inseraten
und lieben nur die Literaten.
Kann sein, für Versfuß, der stark hoppelt,
wird flugs das Lob sogar verdoppelt,

Der Werbetexter fragt sich dann,
wann endlich ist ein Künstler dran,
der zum Wohl der Volkswirtschaft
für Joghurt-Absatz Großes schafft?
Im Dienste für die Allgäu-Kuh
lässt ihm die Frage keine Ruh,
warum nur ignorieren diese Affen,
was deutsche Werber redlich schaffen?

Auch in Stockholm denkt keiner dran,
wie man daran was ändern kann.
Kein Text für Überraschungseier
schafft jemals die Nobelpreis-Feier!

Oft träumt er zwar, wie schön es sei
als Shakespeare, Goethe oder wenigstens Karl May,
doch trösten nicht nur die Moneten
den trauernden Konsum-Poeten.
Sein neuester Spot für Haferschleim
läuft auf Pro Sieben jetzt primetime.
Zur besten Sendezeit hilft er Millionen,
preisgünstig den Darm zu schonen
und gleichzeitig auch noch den Magen.
Das kann von Goethe keiner sagen.

Auch wenn es die Kritik nie sah:
Mehr Zartgefühle war nicht mehr da
seit Rilke Rainer Maria.
Verglichen mit Faust, zweiter Teil,
bleibt so des Texters Weltbild heil.

© KarlHeinz Karius

(*1935), Urheber, Mensch und Werbeberater