Gedicht zum Thema: Wissenschaft

O Wissenschaft! Du Tochter alter Zeit,
Vor deren Blick veränderlich die Dinge.
Voll Geier-Blutgier breitest du die Schwinge,
Die träg' und schwer von Last der Wirklichkeit.

Wie sollte dir des Dichters Liebe gelten?
Mit deiner Weisheit lähmst du seinen Flug,
Du hinderst seinen kühnen Wolkenzug,
Ihm Eingang wehrend in die Sternenwelten.

Hast du die Götter nicht vom Thron vertrieben?
Verscheucht aus ihren Wäldern die Dryade,
Die Nymphe aus dem kühlen Flutenbade?

Wo ist der Elfen holdes Volk geblieben?
Du raubtest ihm und mir den süßen Traum
Des Sommers unterm Tamarindenbaum.

Edgar Allan Poe

(1809 - 1849), US-amerikanischer Journalist, Dichter und Literaturkritiker

Quelle: Poe, Gesammelte Werke, hg. von Franz Blei, München 1922. Bd. VI: Gedichte. An die Wissenschaft. Übers. K. Merling