Gedicht zum Thema: Menschlichkeit

Philosophie der ringenden Menschlichkeit

Gehe gelassen in der Hetze,
denn selten erwartet dich mehr als Lärm.
Meide laute und aufdringliche Menschen,
denn sie sind eine Qual in dein Innerstes…

Denke daran,
welcher Frieden im Schweigen wohnt.

Höre anderen zu,
sogar dem Törichten und Unwissenden,
wenn er in Not ist;
denn an ihm offenbart sich
die Tragik und das Geheimnis
auch deines Lebens.
Versuche soweit wie möglich
die Menschen zu verstehen
und mit denen, die es verdienen,
ohne Preisgabe deines Ich
gut zu sein.

Obwohl niemand in der Wahrheit ruht
und in ihrem Namen verurteilen darf,
triffst du sie doch als Wahrhaftigkeit
in der aufrichtigen Begegnung
mit dir und dem anderen.
Deshalb stehe ich zu ihr
entschlossen und tapfer,
vor allem, wenn sie auf dem Spiele steht.

Wenn du dich mit anderen vergleichst,
betrüge nicht –
denn es wird immer Bedeutendere,
aber auch Geringere geben als dich.
Freue dich,
wenn von dir errungenes Maß
in dein Leben wirkt.

Erfülle dich in deiner Aufgabe,
da sie im Leben außer Freundschaft
der einzige Besitz ist.

Bleib dir treu; heuchle niemals Zuneigung.
Sprich nie gering über die Liebe,
denn sie zählt zu dem wenigen,
was dem Leben
unvergeßliche Erinnerung schenkt…

Laß jede Lebensanschauung,
jede einzelne Meinung gelten,
sofern sie der andere lebt,
und niemand durch sie Schaden nimmt.

Alle Ängste entstehen im Selbstzweifel,
in der Erschöpfung
und in der Einsamkeit;
darum gönne deinem Geist und Körper
auch Ruhe und Entspannung.
Erhole dich auf einsamen Spaziergängen
und kehre zurück in deiner Seele…

Du bist ein Geschöpf des Universums,
nicht weniger und nicht mehr
als die Bäume und die Sterne am Himmel;
versuche dich als Geschenk – zu leben.
und sei vornehm im Umgang mit dir selbst…

Mache gerade durch das Wissen
um die Einsamkeit eines jeden
ein Wesen der Mitmenschlichkeit aus dir.
Dies ist die einzige Hoffnung,
wenigstens für einen Augenblick
in einem anderen
dem Alleinsein zu entrinnen.

Jeder wird nur durch deine gelebte Größe
an seine erinnert –
voller Anerkennung oder Beschämung…

© Elmar Kupke

(1942 - 2018), deutscher Aphoristiker und Stadtphilosoph

Quelle: Kupke, Lyricon 2, 1985