Gedicht zum Thema: Sehnsucht

Wind

In meinen Haaren spielte der Wind
Er trug der Sehnsucht leichte Flügel
Ich staunte wie ein kleines Kind,
Ob seiner freigelassnen Zügel.
Ich wollt auf seinem Rücken reiten.
Wollt fliehen vor der Erde Müh'.
Auf weiten Reisen ihn begleiten.
Am Abend spät, am Morgen früh.
Er zeigte mir das Himmelsblau.
Die Grenzen ich verloren hätt'.
In einem Tag, vom Kind zur Frau.
Für vieles ist es nun zu spät.
Heut steh ich auf dem Rand der Klippen.
Der Wind an meiner Seele reißt.
Salz brennt wie Feuer auf den Lippen.
Was mir die Zukunft noch verheißt?
Als Kind hab ich dem Wind vertraut.
Er war der Bruder meiner Seele.
Träume hab' ich auf Sand gebaut.
Verstand kommt mir jetzt in die Quere.
Unschuld verliert man mit den Jahren.
Den Glauben erst viel später dann.
Noch immer spielt der Wind mit meinen Haaren.
Den ich noch immer fühlen kann.

© Margot S. Baumann

(*1964), Schweizer Lyrikerin und Aphoristikerin