Gedicht zum Thema: Vorbild

Der Weg des Himmels

Wahre Worte sind nicht schön,
schöne Worte sind nicht wahr.
Der Gute redekünstelt nicht,
der Redekünstler ist nicht gut.
Der Erkennende ist nicht vielwissend,
der Vielwisser erkennt nicht.

Der heilige Mensch sammelt nicht an.
Je mehr er für die Menschen tut,
desto mehr hat er.
Je mehr er den Menschen gibt,
desto viel mehr hat er.

Des Himmels Weg ist,
wohltun und nicht schaden.
Des heiligen Menschen Weg ist,
tun und nicht streiten.

Geht man nicht aus der Tür,
kennt man nicht die Welt.
Blickt man nicht aus dem Fenster,
sieht man nicht des Himmels Weg.
Je weiter man ausgeht,
desto weniger kennt man.
Daher: Der heilige Mensch
„Nicht geht und doch kennt,
Nicht sieht und doch benennt,
Nicht tut und doch vollend‘t.“

Der recht Vollkommene ist wie unzugänglich,
Sein Wirken aber unvergänglich,
Der recht Erfüllte ist wie leer,
Sein Wirken erschöpft sich nimmermehr.

Der recht Gerade ist wie krumm,
Der recht Gescheite ist wie dumm,
Der recht Beredte ist wie stumm.

Bewegung überwindet Kälte,
Ruhe überwindet Hitze,
Der Reine und Ruhige ist der Welt Richtmaß.

Laotse

(vermutlich 6. Jh. v. Chr.), eigentlich Laozi, auch Lau Dsi oder Lau Dan, nur legendenhaft fassbarer chinesischer Philosoph, Begründer des Taoismus, Laotse bedeutet 'der Alte', sein Sippenname war 'Li Erl'