Gedicht zum Thema: Trennung

Gedanken nach der Trennung

Wie mag es dir jetzt gehen?
Ich nehme an, du fühlst dich wieder gut.
Wir haben uns ganz lange nicht gesehen,
doch zum Kontakt fehlt - zugegeben - mir der Mut.
Du schweigst.

Bist du zufrieden mit der Konsequenz?
Mag sein, du fühlst dich damit besser
und brauchst mitnichten den Konsens
mit mir, bist eingetaucht in wärmere Gewässer.
Du schweigst.

Ist dir die Liebe so entbehrlich?
Ich nehme an, du hast dich abgefunden
mit deinem Los. Doch sei mal ehrlich:
Sind sie nicht manchmal trist, die Abendstunden?
Du schweigst.

Ist dir ein neues Glück begegnet?
Ich nehme an, es könnt' eventuell so sein.
Dann ist es wieder hell für dich, auch wenn es regnet,
und unversehens wird aus Wasser Wein.
Du schweigst.

Ist das Erinnern schon verblasst?
Ich nehme an, das Jahr ist für dich ausradiert.
Ein Jahr, in dem du meist geliebt, doch auch gehaßt,
ganz langsam die Kontur verliert.
Du schweigst.

Verzeih, ich konnte nur vermuten.
Vielleicht ist davon einiges doch wahr?
Ich wollt, wir hätten uns getrennt im Guten,
und es blieb wertvoll, dieses eine Jahr!
Du schweigst.

Ich denk, du wirst mich bald vergessen,
das schlimme, unvollkomm'ne Individuum,
das du - mit deinen Maßstäben gemessen -
verworfen hast, bis heute wüßt' ich gern genau warum!
Du schweigst.

Ein einz'ger Wunsch bleibt jetzt noch offen.
Der scheint mir wichtig, denn die Tage eilen.
Ich wünsche uns, und will's aufrichtig hoffen,
dass bald die zugefügten Wunden heilen!

Du schweigst.

© Klaus Reißig

(*1941), Physiker