Gedicht zum Thema: Jesus Christus

Laß dich nicht den Frühling täuschen,
Herz, der dich mit Lust umringt,
Wo mit wonnigen Geräuschen
Wald und Flur vom Leben klingt!
Wo sich auf den Ästen wiegen
Kehlen voll von süßem Klang,
Wo, als gäb' es kein Versiegen,
Flüsse brausen ihren Gang.

Von den Bäumen, aus den Bächen,
Aus dem hellen Morgenrot
Scheint ein tröstlich Wort zu sprechen –
Lauschest du, so ist's der Tod.
Diese Welt – sie muß vergehen;
Schneller noch der Lüfte Raub,
Wirst als Asche du verwehen,
Herz, wie flücht'ger Blumenstaub.

Willst du bis zum Wesen dringen:
Wende vom Erschaffnen dich!
Willst du dich ins Leben schwingen –
Einer zeigt als Führer sich;
Der an solchem Frühlingsmorgen
Hinter sich ließ die Natur,
Und, dem ird'schen Blick verborgen,
In der Himmel Himmel fuhr!

Was die Jünger dort empfanden,
Als ihr Auge flog empor,
Fühl es Herz, und aus den Banden
Flüchte durch das Glaubens Tor!
Mit den Ewigkeitsgedanken
Bist du doch von Erde nur,
Führt er dich aus den Schranken
Über alle Kreatur.

Was auf Erden Ihn umgeben,
Ward Ihm Bild und Ahnung bloß,
Und er atmete sein Leben
Stets nur in des Vaters Schoß.
Sieh auch du im Glanz der Erde
Nur vom Himmel einen Traum!
Gleichnis dir des Höchsten werde
Haus und Herde, Blum und Baum!

Wenn auf's Leben du verzichtest,
dann beginnt dein Lebenslauf;
Wenn du dich als Staub vernichtet,
Stehst du erst als Wesen auf!
Deines innern Lebens Schwingen
Wachsen aus dem Erdentod;
Eh' er konnt' ins Leben dringen,
Hat auch Ihm das Grab gedroht.

Blick hinauf zum Himmelsbogen,
Siehest du den Widerschein
Von der Bahn, die er geflogen?
Läßt dich nicht ein Schimmer ein?
Will das Himmelslicht ermatten?
Ringen Zweifel um den Sieg?
Es ist nur der Wolke Schatten,
Hinter der er aufwärts stieg.

Gustav Schwab

(1792 - 1850), deutscher Philosoph und Theologe