Gedicht zum Thema: Sprache

Reisen bildet

Reisen bildet, sagen heute
nicht nur weitgereiste Leute,
das sagt auch mein Nachbar Krause,
Bildung kriegt man nicht zu Hause.

Also macht’ ich zum Beweise
der Behauptung eine Reise,
dazu schien mir angemessen
eine Fahrt, per Bahn, nach Essen.

Dort, schon in der Bahnhofshalle
merkte ich, in meinem Falle,
dass am Ziel, das ich erwählte,
mir noch viel an Bildung fehlte.

Woher sollte ich denn wissen,
dass die Leute, die mal müssen,
so wie ich, in dem Bestreben
sich jetzt zu McClean begeben?

Irgendwo stand auch geschrieben,
treffen sie doch ihre Lieben,
oder ihren besten Freund,
hier bei uns am Meeting-Point.

Verreisen sie, egal wie weit,
bequem und schnell mit Euro-Night,
mit City-Ticket, railway-like,
und nimm ein Fahrrad – Call a bike.

Froh, dass mir hier nichts passiert,
weil ich vieles nicht kapiert,
lenkt' ich bildungsfroh die Schritte
in die City, zur Stadtmitte.

Und ich stand nach einer Weile
mitten auf der Shopping-Meile,
wo auf jeder Straßenseite
Laden sich an Laden reihte.

Bunt bemalt war ausgeschildert,
teils mit Text und teils bebildert
wies man mich zum Shop für Flower,
nebenan gab's Wellness-Power.

Etwas weiter softes Peeling
und ein Laden namens Feeling;
cooles Outfit kann nicht schaden,
schrieb ein only-women-Laden.

Fashion week für Twens und Teens,
second-hand-shop mit Blue Jeans,
Piercing für die Körperblößen,
bei Big Bock gibt’s Übergrößen.

Zum Stressabbau lud freundlichst ein
dass Fitness-Center Body-Line,
ein Reisebüro Sun and Fun
bot miles and more und AlRail an.

Als mich jemand Oldie nannte,
einer, den ich gar nicht kannte,
und ich sei wohl overdresst,
gab mir das den letzten Rest.

Doch weil sich mein Magen rührte
und ich Appetit verspürte,
fand ich noch zu diesem Zwecke
einen Fastfood an der Ecke.

Und bestellte Chicken-wings,
trank dazu zwei Power-Drinks
und nach dieser Mega-Jause
zahlt' ich cash – und fuhr nach Hause.

Wenn ich auch als alter Knabe
vieles nicht verstanden habe,
hab ich doch, ich muss gesteh'n,
die große weite Welt geseh'n.

Der Gedanke scheint vermessen,
denn ich war doch nur in Essen,
doch wie sagt mein Nachbar Krause:
Bildung krieg'ste nicht zu Hause.

Leider kommt in deutschen Landen
uns die Sprachkultur abhanden
und der Umgang ist banal.
sprecht doch Deutsch –
verdammt noch mal!

© Edmund Ruhenstroth

(*1936), Holzbildhauer, Industriekaufmann und Schriftsteller