Gedicht zum Thema: Hochmut

Gott knetete aus Erdenstaub allein mich,
Darum der Priester wohl nicht fände rein mich.
Denn ich verdorre leicht - um mich zu nässen,
Muß ich den Weinkrug an die Lippen pressen.

Weißt du, warum ich trinke?
Von Hochmut strotz ich und Eitelkeit,
Und die will ich ersäufen
Im Meer der Betrunkenheit.

Wenn meine Laute euch zu silbern singt,
Wenn euch mein Spott zu laut und lästrig lacht,
Zu hoch mein Rappe in die Lüfte springt,
Zu wild die Fahne meiner Weisheit winkt:
Denkt, dass ich meinen Vers im Rausch gemacht...
Wenn einst mein Kind, das zart ich entband,
Erblüht zur Rose feuerroter Pracht,
Wenn es die Güte gut, die Bosheit böse fand,
Wenn es die heilige Fackel reckt ins Land:
Denkt, daß den Knaben ich im Rausch gemacht...

Ich heb mein Glas in dämmrigen Spelunken,
Und Ihr?
Ich horche auf den Ruf der roten Unken,
Und Ihr?
Ich atme an Suleikas Lippe,
Und Ihr?
Ich beug das Knie vor Schädel und Gerippe,
Und Ihr?
Ich weiß so wenig und leide vieles,
Und Ihr?
Ich suche Seligkeit und Sinn des Spiels,
Und Ihr?
Ich küß, als ob ich nie mehr küssen müßte,
Und Ihr?
Ich leb, als ob ich täglich sterben müßte,
Und Ihr?

Schenke, durch die Glut des Weines
Laß den Becher Feuer fangen,
Sänger, spiele mir ein Liedchen,
Denn es geht mir nach verlangen!

Die ihr ohne Kunde bliebet
Von der Trinker süßem Glücke:
Wißt, der Becher strahlt die Wange,
Die geliebte, mir zurücke.

Keiner wird des Todes sterben,
Den lebendig macht sein Lieben,
Darum ist im Weltenbuche
Meine Dauer eingeschrieben.

Nur solange sind die Reize
Gültig mir von diesen Schlanken,
Als ich meine Zeder sehe
Zierlich mir entgegenschwanken.

O, was bist du so beharrlich
Zu vergessen mich beflissen?
Kommt ja doch von selbst die Stunde,
Welche nichts von mir wird wissen!

Weil der Rausch mir lieblich scheinet
In den Augen meiner Holden,
Laß ich gern die Zügel schießen
Jenen andern Trunkenbolden.
Wir kamen in die Schenke
Mit blauen, himmlischen Kutten;
Der alt Wirt, der nahm sie,
Verwandelte sie zu Asche
Und kleidet' unsere Leiber
Ins schönste Rosenrot,
Einschärftete zugleich auch
Das ernstliche Gebot:
Sich des gewohnten Bösen
Rein zu enthalten künftig,
Nie mehr zu fasten, nie mehr
Zu trauern und zu büßen
Und nichts mehr anzubeten
Andächtig und devot,
Als Feuer, Welt und Tonne;
Verheißend uns, wofern wir
Treu hielten ohne Wanken
An dieser reinen Lehre,
Ein Leben voller Wonne
Und einen seligen Tod.

Tritt nicht mit trüber Miene an das Grab
Und lächle, wie ich stets gelächelt hab.
Bring einen Becher mit und eine Dirne,
Den Veilchenkranz um die geschminkte Stirne,
Und heiß sie tanzen, heiß sie Lieder singen
Und dreimal über meine Grabstatt springen.
Und sprenge Wein, wo man mein Haupt vermutet
Und wo mein Hirn verwest, mein Herz verblutet.

In meinen Schläfen jagt das Blut,
Verdursten ließ mich schier die Bürgersippe.
Es gibt nur ein Gefäß, das mir genüge tut:
Suleikas Lippe.

Wenn einst der jüngste Tag anbricht,
Hält Hafis neben Gottes Thron Gericht,
Und seine weinbelegte Stimme spricht:

Ihr, die ihr trunken taumeltet durchs Leben,
Dem Lächeln und dem Frühling hingegegeben,
An Mädchenlippen sauget wie an Reben,

Ihr, die ihr Brüder wart von Stern und Stier,
Besessen von des Falters Sonnengier:
Ihr heilig Trunkenen, zur Rechten mir!

Doch ihr, die mit eurem Herzen kargtet,
Die ihr das Leben in den Tode sargtet,
Die ihr des Herbstes braune Blätter harket,

Ihr, denen nie die schönen Huris sangen,
Die ihr am Leben wie am Strick gehangen
Die ihr im Kerker eures Hirns gefangen:

Die ihr im Bund mit Schweinezüchtern.
Denn ihr lastertet geheim, ihr Schüchternen,
Zur Linken mir, ihr teuflisch Nüchternen!

Schenke! laß uns munter zechen,
Laß im Rosenhain uns kosen,
Laß uns das Gelübde brechen,
Denn es ist die Zeit der Rosen!
Wenn wir nach dem Garten wallen,
Wollen lärmen wir und tosen,
Wollen, wie die Nachtigallen,
Sinken in das Nest der Rosen!
Leeret unter diesen Bäumen
Den Pokal, den sorgenlosen,
Freude darf nicht länger säumen,
Es befahlen es die Rosen.
Kommt der Lenz, so magst du denken
An des Jahrs Metamorphosen:
Heische Wein und einen Schenken
Unter einem Zelt von Rosen.

Schenke, bring den Quell der Jugend,
Zwei Pokale bring in Eile,
Voll von reinem Rebenblute,
Das den Schmerz der Liebe heile!

Bringe, was dem alten Zecher,
Was dem jungen schaffet Wonne!
Wein ist Sonne, Mond ist Becher,
Bring im halben Mond die Sonne!

Die Vernunft ist widerspenstig,
Ihrem Nacken bringe Schlingen!
Nasses Feuer sollst du schlagen,
Feuerwasser sollst du bringen!

Gib dem Trunknen Wein, und gänzlich
Werd ein Lump ich und ein Prasser!
Mag die Rose sich entfernen,
Reiner Wein ist Rosenwasser!

Wenn die Lieder auch verhallen,
Bringe mir ein Glas und klinge!
Klage nicht um Nachtigallen,
Barbiton und Geige bringe!

Gib den Schlaftrunk, denn im Schlafe
Wird mir ihr Genuß zuteile!
Sei es Tugend oder Laster,
Gib mir vollgemessen, eile!

Hafis (Ḥāfeẓ)

(um 1320 - 1388), Ḫāǧe Šams ad-Dīn Moḥammad Ḥāfeẓ-e Šīrāzī, auch Šams o'd-din Moḥammad, »der den Koran auswendig kennt«, persischer mystischer Lyriker