Gedicht zum Thema: Abschied, Wiedersehen

Die Feldpostkarte

Flach im Boden unter Sand,
ich eine Feldpostkarte fand.
Vergilbt war sie doch lesbereit,
aus fernem Land - Vergangenheit.

Ihr Inhalt hat mich sehr bedrückt.
Ein seltener Fund war mir geglückt.
Da stand in schwachen Lettern drauf:
"liebe Frau ich gebe auf".

"Wenn du die Karte bei dir trägst,
mein Herz vielleicht schon nicht mehr schlägt.
Ich liege hier im Schützengraben,
in dem so viele Männer starben.

Das Gewehr fest unterm Arm,
ein alter Mantel hält mich warm.
Über mir ein klarer Himmel,
tausendfaches Sterngewimmel.

Zwischendurch von Menschenhand,
zucken Blitze übers Land,
gefolgt von Donnerschall und Knall.
Der Feind ist heute überall.

Tief im Boden wie ein Wurm,
drückt mich die Ruhe vor dem Sturm.
Ich halte wieder einmal Wacht,
in einer sternenklaren Nacht.

Ich habe Angst, o liebe Frau,
der Tod ist nah, ich spür es genau.
Mein Gesicht voll Schmutz und Dreck,
gereicht mir nicht zum Lebenszweck.

Kaum wage ich den Kopf zu heben,
freiwillig nicht mein Leben geben.
Es wird dem Tod bestimmt gelingen,
mich hier und heute zu bezwingen.

Der Kessel steht ich komm nicht raus,
mit Sicherheit nicht mehr nach Haus.
Doch eines Frau, sei dir gewiß,
daß du im Herzen bei mir bist.

Eines darfst du nicht verkennen,
wenn unsre Herzen noch so brennen,
als Toter vielleicht unerkannt,
sterbe ich fürs Vaterland."

Die Karte fast schon aufgeweicht,
hat den Empfänger nie erreicht.
Im tiefsten Frieden lebe ich,
doch die Gedanken drücken mich,
beim Kartenlesen und danach.
Ein Toter aus dem Jenseits sprach.

© Bernd Rosarius

(*1945), deutscher Schriftsteller

Quelle: Rosarius, Sturmwind. Gedankliches Inferno, 2005