9 Zitate und 59 Gedichte von Ludwig Scharf.

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Komm du süßer heiliger Schlaf ...

Komm du süßer heiliger Schlaf,
Wunderkind aus besserer Welt,
Drück mir leis die Augen zu,
Die noch Wehmut offenhält.

Komm du silberklarer Mond,
Komm aus dunkler Wolke für:
Wirf den bleichen Leichenschein
Auf die Fieberwange mir.

Dort im Thal, wo's Wasser rauscht,
Hat sie mir ihr Leid vertraut:
Streue Mond dein Totenlicht
Auch aufs Haupt der ärmsten Braut.

Dann wach auf du Geist des Traums,
Laß mich zwei Gebeine sehn,
Die in dunkler Gruft vereint
In ihr einstiges Nichts vergehn.

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Lieder eines Menschen (1892)

Proleten-Weisheit

Ich kann es nicht leugnen: Regierung muß sint,
Doch muß auch 'mal Revolution sint:
Nach langem Frieden und Sklavendruck
Muß auch einmal Sensation sint.

Es muß auch "stete Entwicklung" sint,
Ich kann es nicht leugnen, ich löge:
Was wäre sonst die ganze Wissenschaft wert,
Wenn sie jählings zum Teufel flöge?

Doch muß auch ein wenig Katastrophe sint,
Daß die Ausnahm die Regel beweise –
Selbst wenn sie den ganzen Ordnungsgang
Klapps! über den Haufen schmeiße ...

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Lieder eines Menschen (1892)

Nie-Wiederkunft

Ein altes Weib verhaucht seine dünne Seele:
Glaubst du, daß sie weiter leben wird? ..
Glaub's nicht! Glaub's nicht!

Ein greiser König verhauchte seine müdgeword'ne Seele:
Glaubst Du, daß sie weiterleben wird? ..
Glaub's nicht! Glaub's nicht!

Ein muntrer Knabe verhauchte seine tieferschrock'ne Seele:
Glaubst Du, daß sie weiterleben wird? ..
Glaub's nicht! Glaub's nicht!

Keiner, der da war, kommt wieder!
Keiner, der da ist, weiß, daß er war!
Das glaub' – und liebe den Tod!

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Verstreut veröffentlichte und handschriftlich überlieferte Gedichte (1883-1926)

Ecce homo

Seht her: mein Herz ist arm, mein Herz ist arm und blutet;
Des Lebens ganzer Harm hat nächtens es durchfluthet.
Ich gab's den Nöthen preis und aller Qual auf Erden,
Und wähnte, daß sein Schweiß euch könnt' zum Glücke werden.
Nun ist ihm alle Kraft und alle Gluth verflogen,
Denn schweren Giftes Saft hat's aus der Qual gesogen.
Wohin mein Auge schaut, verwelkt das Grün der Bäume,
Die Blüthe stirbt der Braut, verdirbt der Duft der Träume.
Was wollt ihr noch von mir? O laßt mich sterben gehen,
Eh' letzter Blüthen Zier im Erdstaub muß verwehen …

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Verstreut veröffentlichte und handschriftlich überlieferte Gedichte (1883-1926)

Frau Lüge

Sie log nur so, daß die Fetzen flogen,
Ihr zweites Wort war sicher gelogen,
Und wenn sie nichts zu erzählen gewußt,
Dann log sie erst recht nach Herzenslust.

Sie ging auf die Straße und fand eine Lüge,
Sie kam aus der Kirche und wußt ein Lüge:
Bei ihrer Frau Base, bei ihrem Mann,
Ihr Lüge auf Lüge vom Munde rann.

Sie log aus Not und log aus Vergnügen,
Sie log aus der reinsten Freude am Lügen,
Ja, selbst ihr Träumen war Lügengespinst –
Des anderen Glaube nur war ihr Gewinst.

Und als sie nun endlich zum Sterben gekommen,
Und der Lügenteufel sie zu sich genommen:
Was Wunder, wenn solch einer Frauen Mann
Ihr nun auch ihr Sterben nicht glauben kann?

Er kam betrunken nach Haus wie immer
Und nahte sich schwankend dem traulichen Zimmer –
Laut redend hat er am Wege studiert,
Wie er ihr Keifen und Lügen pariert.

Da trat ihm entgegen mit tränender Nase
Und schluchzender Stimme die gute Frau Base –
Er aber schrie polternd, vom Zorne rot:
»Sie lügt, sie lügt! Sie stellt sich nur tot!«

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Verstreut veröffentlichte und handschriftlich überlieferte Gedichte (1883-1926)

Einsamkeit

Verflogne Taube an dem Felsenstrand,
Ein Wirbelwind hat dich dem Schwarm entführt!
Und mich, wie's meinem Wagemuth gebührt,
Verschlug ein Sturm ans gleiche Inselland.

Wir zwei zur selben Einsamkeit verbannt,
Bestimmt, daß eins des andern Frohmuth schürt,
Daß eins das andere zum Glück verführt,
Um das uns trog der Winde Unverstand.

Verflogne Taube! Laß uns Freunde sein
Und uns're Herzen aneinander wärmen,
So lang uns günstig ist der Sterne Schein.

Laß ab, dich um Verlorenes zu härmen!
Ich will dir ein erles'ner Sänger sein
Und hoch mit dir durch alle Himmel schwärmen.

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Verstreut veröffentlichte und handschriftlich überlieferte Gedichte (1883-1926)

Es war ein Wahn vielleicht, ein großer Wahn,
Des Lebens Tiefen zu durchmessen –
Am eignen warmen Leib den Schmerz zu spüren,
Den vorher Andere besessen ...

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Lieder eines Menschen (1892)

Das stille Schiff

Dumpf rauscht das Schiff, das stille Schiff,
Seinen einsamen Ozeanpfad:
Sie sitzen schlafend an Bordes Rand,
Auch der Steuermann sank am Rad.

Sie haben solange gewacht und gesucht
Und zitternd zur Ferne gestarrt,
Bis der Schlaf ihre müden Lider brach,
Bis die Sehnsucht die Glieder erstarrt:

Sie fanden ihn nicht, den Inselstrand,
Wo der Freiheit Früchte erglühn,
Das gelobte Land, wo der Wogen Brand
Korallenschlösser umsprühn.

Mit gründen Gestaden tauchte es auf,
Umhaucht von porphyrenem Licht,
Voll Vogelglanz, voll schattiger Ruh –
Sie schliefen und sahen es nicht.

Und Männer tanzten am Ufergestein,
Von der Ewigkeit Odem umweht:
Sie haben des Daseins Rätsel gelöst,
In die Tiefen der Meere gespäht.

Und Mädchen tanzten auf hohem Plateau
Und wiegten sich bräutlich im Licht,
In Blütenketten den schwellenden Leib –
Doch die Schläfer sahen es nicht.

Nur Einer fuhr auf mit träumendem Hirn,
Matt hob sich der flatternde Blick –
Sehnsüchtig streckt er die Arme hinaus,
Dann taumelt er trunken zurück.

Und ruhig rauscht das Schiff durch die Nacht
Vorbei dem göttlichen Strand –
Sie schliefen weiter und sahen es nicht,
wie die Freiheit verdämmernd verschwand.

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Lieder eines Menschen (1892)