9 Zitate und 59 Gedichte von Ludwig Scharf.

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Facit

Das bischen Sonne, das in's Leben fällt
Das Finsterniß und Trübsal dir erhellt,
Das bischen Vogelsang nach langer Nacht,
Wenn du aus schwerem Wintertraum erwacht,
Das bischen Menschengüte, Freundeswärme
In all dem unterträglichen Gehärme,
Und dann das bischen goldne Jugendlust,
Da du von Noth und Sorge nichts gewußt –
Das ist vielleicht, du stumpfer Erdengast,
Das Köstlichste, was du vom Leben hast.

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Lieder eines Menschen (1892)

Wer nie das Elend sah

Wer nie das Elend sah mit seinen hundert Armen:
Hunger, Krankheit, Angst und Not –
Wie's stündlich, täglich, nächtlich frißt und bohrt,
Im Schlafe aufschreit und zusammenfährt,
Erwacht und nun gelähmt an allen Gliedern liegt,
Die Augen schließt, den hoffnungslosen Morgen nicht zu sehen:
O der begreift es nicht, begreift es nicht,
Wenn sich ein Wahnsinnsschrei der Brust entrinnt:
Aus welchen Qualentiefen auf er dringt.
O der begreift, begreift es nicht,
Wenn jähe Mordlust aus der Seele bricht
Mit Flüchen, die das Heiligste nicht schonen –
Und er begreift ihn nicht, begreift ihn nicht,
Den blutend wehgeborenen Entschluß
Der Mutter, die zur Hure werden muß,
Weil sie ihr Kind verkommen sehen muß.
Er hat den großen Ekel nie empfunden
Vor der Gemeinheit, die die tausend Wunden
Dem preisgegebnen Opfer hat geschlagen,
Vor der Gemeinheit, die aus allen Enden
Wie Schlangen auf das arme Opfer schießen,
Vor der Gemeinheit, die am schlimmsten ist,
Wo sie mit kaltem Blick ihr Opfer mißt,
Wo sie mit Allen ein Gewissen teilt
Und eigne Schuld an fremdem Schuldig heilt,
Zu Schluß das Opfer selber schuldig spricht,
Bis es vernichtet jäh zusammenbricht.
Wer's nicht gesehen, wie ich es sehen mußte,
Der kann die Wollust nimmer mit mir fühlen,
Die süße Lust, in Schinderblut zu wühlen.

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Verstreut veröffentlichte und handschriftlich überlieferte Gedichte

Zukunftsblick

Die Knochen werden müder mir
Und sterben langsam ab –
Sei's Caries, sei's Nekrose nun,
Sie fördern mich zu Grab.

Der Tauber gurrt die Sonne glüht,
Die Erde rollt und rollt,
Das Farbenspektrum glänzt und sprüht,
So oft ein Wetter grollt.

Das Eichhorn springt, das Wiesel schießt,
Der Fuchs schleicht sich zum Raub
Auf steilem Pfad und schleift den Schwanz
Verrätrisch durch den Staub.

Und kunterbunt der Abend kommt
Mit grauem Wetterschein –
Es blitzt und kracht, jedwed Geschöpf
Schlüpft in ein Erdloch ein.

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Lieder eines Menschen

Blätterfall

Will's dir in die Seele schneiden,
Daß der Sommer kommt zum Scheiden
Und der Blätterfall beginnt: –
Alter Knabe, sei kein Kind!

Wenn der Morgen, grau und rieslich,
Nebeldünste kocht verdrießlich,
Fröstelnd dein Gebein umspinnt: –
Alter Knabe, sei kein Kind!

Wenn die Kraft der Jugendtage,
Die nichts weiß von Jahrzeitplage,
Mählich dir im All zerrinnt: –
Alter Knabe, sei kein Kind!

Wenn im Auf und Ab von Hoffen
Plötzlich dir dein Grab steht offen,
Drüber stöbert Schnee und Wind: –
Alter Knabe, sei kein Kind!

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Verstreut veröffentlichte und handschriftlich überlieferte Gedichte (1883-1926)

Die Sterne des Himmels fallen nie auf die Erde –
es sind immer nur Sternschnuppen.

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Brief an Max Halbe, München, 21. August 1902

Pellkartoffel

Wie das dampft und wie das mundet!
Erst die kleine warme Nuß! –
Noch ein Brocken! Ham der spundet!
Runter! Das ist Hochgenuß!

Und nun geht's an das Tranchieren:
Kleine Würfel, Körnchen Salz –
Langsam Gaum' und Mund berührend
Rutscht es gurgelnd durch den Hals.

An den Schalen zarte Scheibchen
Knabbert er mit Wollust noch – –
War seit lang der erste Abend,
Daß er satt zu Bette kroch …

Ludwig Scharf (1864 - 1938), deutscher Lyriker, sein Gedichtband »Lieder eines Menschen« gilt als eines der wichtigsten lyrischen Werke des Naturalismus

Quelle: Scharf, Gesammelte Lyrik und Prosa. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel. Herausgegeben von Walter Hettche, Aisthesis Archiv 16, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Aisthesis Verlags. Originaltext