20 Zitate und 40 Gedichte von Stefan George.

Seite: 6

Die Schwestern

Sophie von Alençon
Elisabeth von Oesterreich

Wer sie gesehn: von echtem königtume
Das noch gebahren feiler gleichheit scheut
Vererbten glanz und acht und gnade hütend:
Empfing der hoheit schauer und den hauch
Von weh und wucht unfassbar der die niedren
Weit von sich wies ... So schritten sie in adel
Und stolz und trugen herrlicher als Andre
Bescholtne kronen ihr erlauchtes haar.

Die jüngste nach der brachen brautschaft trauer
Wo sie den strahlenden Unseligen streifte
Gewann die anmut der drei heiligen lilien
Und weilte still · ganz liebe und ganz lächeln.
Ihr los erfüllte sich am fest des mitleids ...
Schon gellte schrei · schon beizte rauch die augen ·
Man bot ihr rettung · doch sie sprach: »lasst erst
Die gäste gehn!« und sank umhüllt von flammen.

Die andre war so dass sie tränen regte
Ehmals mit huld und jugend · dann mit huld
Und trübnis. Sie in volkes jauchzen stumm ·
Dem tagessinn unnahbar trug das rätsel
Verborgner ähnlung und verflackte schimmer
Mit sich von eben morgenroten welten:
Bis sie unduldbar leid zum meer zum land
Zum meer zum dolch hintrieb der sie erstach.

Doch war nicht all-erschreckend gieriges wüten
Vorsichtige sternenmilde? Beide litten
Grausamste furcht vor langsam greisem schwinden
Und wurden jäh erlöst in lezten jahren
Da noch · umschlungen von dem vollen leben ·
Ihr reiz bestrickte ... Oder war dies schönheit
In ihnen dass geheimer bann sie hemmte
Zu brechen mit vergilbtem schicksalspruch?

Stefan George (1868 - 1933), Stefan Anton George, deutscher Dichter und Mittelpunkt eines Kreises von Anhängern (George-Kreis)

Quelle: George, Der siebente Ring, 1907. Originaltext

Der verwunschene Garten

Königlich ruhst du in deiner verlassenheit ·
Garten – und selten nur tust du die tore weit ...
Mit deiner steilen gebüsche verschwiegnem verlies
Sonnig gebreiteter gänge nie furchendem kies.
Lispelnde bronnen umfriediget knospend spalier ·
Steinerne urnen erheben die ledige zier.
In deinem laub geht nur nisten sanft-tönende brut.
Leichte gewölke nur spiegelt die schlafende flut
Deines teichs und die ufer entlang das gebäu:
Ebnes kühl-gleitendes feuer und flimmrige spreu ...

Eins ist der Fürstin palast: sie bewohnt ein gemach
Seegrün und silbern ... dort hängt sie der traurigkeit nach
In ihren schnüren von perlen und starrem brokat.
Keine vertraute bewegt sie und weiss einen rat.
Weinend nur wählt sie aus ihrer kleinode schwarm
Und ihre wange bleibt leuchtend in all ihrem harm.
Lieblichste blume vergeblichen dufts die nicht dorrt ·
Zartestes herz – ihm gelingt für die liebe kein wort.
Manchmal nachdem sich die sonne im haine verbarg
Und ihr der tag in die wehmut gelindert sein arg ·
Sie auf der laute in schmelzenden weisen sich übt:
Staunen die stolzen gestirne und werden getrübt.
Jenseits des wassers der mattrot- und goldene saa
Herbergt den Fürsten und seine verschlossene qual.
Bleich alabasterne stirn ziert ein schwer diadem ·
Freude und trost des gefolges ist ihm nicht genehm.
Jung und in welke so streckt er die arme ins blau
Schluchzend vom söller herab in die duftige au ·
Der nicht der eigenen würde bekrönung gewahrt
Die jedes nahen verbietet vertraulicher art ...
Keiner den schaudern der fernheit nicht überkam ·
Der sich das auge nicht deckte · nicht beugte aus scham
Vor diesem antlitze schönheit- und leid-überfüllt
Das uns das herbste und süsseste lächeln enthüllt!

Einmal verstattet das jahr nur der Herrlichen schau ...
Schranken verschwinden und offen steht halle und bau.
Doch wer erwählt ist nur folgt – wer von frommem geheiss
Wer von der heimlichen sprache der blumen wohl weiss
Und von dem zitternden ton von demütigem dank:
Adel und anmut von allem was fürchtig und schwank.
Fern ist wer immer in tosenden schluchten gerast ·
Wer in den sümpfen und giftigen angern gegrast –
Kalter gespenster und düsterer schergen gesind –
Wer wie das tier nicht gerührt wird vom himmlischen wind.

Beiden portalen entschwebt nun ein feiertalar ...
Auf der terrasse begegnet und grüsst sich das paar ·
Gleitet die wege hernieder · die hände verschränkt:
Einzige tritte darob sich die stille nicht kränkt.
Wonne durchrieselt der schauenden kreis der sich kniet
Der seiner höchsten entzückung so lange entriet:
Spitzen opalener finger zu küssen und kaum
Dieser sandalen und mäntel juwelenen saum –
Also erhebt sich in tränen manch stummes gebet.
Aber der zug hat beim brunnen sich langsam gedreht ...
Mit dem holdseligen blick auf der Treuesten kür
Lohnen sie nochmals und in eines laubganges tür
Sind ihre schimmernden schleppen verflattert und ganz
Löst sich der garten im abendlich purpurnen glanz.

Stefan George (1868 - 1933), Stefan Anton George, deutscher Dichter und Mittelpunkt eines Kreises von Anhängern (George-Kreis)

Quelle: George, Der siebente Ring, 1907. Originaltext

ich habe die ganze brust voll glück und über jedes ende hinaus winkt mir mit goldnen flügeln unsterblichkeit.

Stefan George (1868 - 1933), Stefan Anton George, deutscher Dichter und Mittelpunkt eines Kreises von Anhängern (George-Kreis)

Quelle: George, Tage und Taten. Aufzeichnungen und Skizzen, Erstdruck 1903. Vorrede zu Maximin. Originaltext