10 Zitate und 16 Gedichte von Karl von Gerok.

Golgatha

Nimm, Herr, mich mit auf deinem Todesgange,
Daß ich den letzten Segen noch empfange,
Den du im Dulden, Bluten und Erblassen
Der Welt gelassen.

Mit Zions Töchtern möcht ich um dich klagen,
Mit Simon dir den Marterbalken tragen
Und mit Johannes unter bittern Wehen
Am Kreuze stehen.

Die Füße, die mit nimmermüdem Schritte
So sanft gewandelt in des Volkes Mitte,
O laß mich sie, eh' sie erstarren müssen,
Noch einmal küssen.

Die Hände, die nur wohlgetan auf Erden
Und zum Dank ans Holz geheftet werden,
O breite sie vom Kreuzesarm zum Segen
Mir noch entgegen!

Ihr Lippen, stets holdselig anzuhören,
So vielgetreu im Trösten, Mahnen, Lehren,
O gönnt mir noch, eh' ihr euch müßt entfärben,
Ein Wort im Sterben!

Doch stille, horch! Die Hammerschläge klingen,
die ihm durchs Fleisch und mir durchs Herze dringen,
Er aber fleht zu Gott mit Engelsmienen:
Vergib du ihnen!

Nun hängt er nackt inmitten der Verbrecher
Und neigt sich mild zum reuevollen Schächer
Und öffnet ihm mit hohem Gnadenworte
Des Himmels Pforte.

Die Mutter sieht er mit dem Schwert im Herzen,
Am Kreuze stehn in namenlosen Schmerzen,
Drum sorgt er, daß an Sohnesstatt ihr bliebe
Johannis Liebe.

Jetzt aber sieh! wie sich der Tag umnachtet;
Jetzt aber horch! wie seine Seele schmachtet:
Mein Gott, mein Gott, was hast du mich verlassen?
Wer kann es fassen?

Mich dürstet! klagt er, seine Glieder beben,
Die Zunge muß verdorrt am Gaumen kleben:
Lebendig Wasser strömt vom Lebensfürsten,
Und er muß dürsten.

Doch nur getrost, schon ist sein Kampf geendet,
Die Schrift erfüllt, des Vaters Werk vollendet,
Es ist vollbracht! - durch alle Himmelshallen
Soll's widerschallen.

Aus Wolkennacht schon dämmert neu die Sonne,
Das Todesweh geht aus in Himmelswonne,
Und sterbend spricht er: Vater, ich befehle
Dir meine Seele.

Es ist vollbracht! mein Heiland ist verschieden,
Sein müdes Haupt, es neigt sich nun im Frieden;
Die Erde bebt, des Abgrunds Felsen splittern,
Die Menschen zittern.

Das Volk verstummt und wendet sich zu gehen,
Doch Herr, deine Kreuz bleibt aufgerichtet stehen,
Ein Heilspanier der Welt für alle Zeiten
Und Ewigkeiten.

Mich aber laß an deinem Kreuz verweilen,
Dein schuldlos Blut soll meine Wunden heilen,
Dein bittrer Kampf soll mir den Frieden geben,
Dein Tod das Leben!

Karl von Gerok (1815 - 1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter

Golgatha
(Karfreitag)

Durch manche Länderstrecke trug ich den Wanderstab,
von mancher Felsenecke schaut ich ins Tal hinab;
doch über alle Berge, die ich auf Erden sah,
geht mir ein stiller Hügel, der Hügel Golgatha.

Er ragt nicht in die Wolken mit eisgekrönter Stirn,
er hebt nicht in die Lüfte die sonnige Alpenfirn,
doch so der Erd entnommen und so dem Himmel nah
bin ich noch nie gekommen, wie dort auf Golgatha.

Es trägt sein kahler Gipfel nicht Wälderkronen stolz,
nicht hohe Eichenwipfel, nicht köstlich Zedernholz;
doch, alle Königszedern, die einst der Hermon sah,
sie neigen ihre Kronen dem Kreuz von Golgatha.

Nicht gibt es dort zu schauen der Erde Herrlichkeit,
nicht grüngestreckte Augen, nicht Silberströme breit;
doch alle Pracht der Erde verging mir, als ich sah
das edle Angesichte am Kreuz auf Golgatha.

Kein Bächlein quillt kristallen dort aus bemoostem Stein,
nicht stolze Ströme wallen von jenen Höhn landein;
doch rinnt vom Stamm des Kreuzes in alle Lande da
ein Born des ew'gen Lebens das Blut von Golgatha.

Dort schlägt der stolze Heide stillbüßend an die Brust,
des Schächers Todesleide entblühet Himmelslust;
dort klingen Engelsharfen ein selig Gloria,
die Ewigkeiten singen ein Lied von Golgatha.

Dorthin, mein Erdenpilger, dort halte süße Rast;
dort wirf dem Sündentilger zu Füßen deine Last!
Dann geh und rühme selig, wie wohl dir dort geschah,
der Weg zum Paradiese geht über Golgatha

Karl von Gerok (1815 - 1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter

Himmelan schwing' deinen Geist jeden Morgen neu.

Karl von Gerok (1815 - 1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter

Vergißmeinnicht

Das Kindlein schleicht am Wiesenbach
Den Blumen nach,
Da winkt ein Blümlein himmelblau,
Beperlt von Tau.
Fünf Blättchen steh'n gereiht als Stern
Mit goldnem Kern.
Das Blümlein spricht zum Kind:
"Ich bitt',
O nimm mich mit.
Ich bleibe dir daheim am Tisch
Im Glase frisch.
Ich blühe dir allmorgens neu,
In stiller Treu,
Mein Herz ist fromm und sanft
mein Licht,
Vergiß mein nicht!"

Der Jüngling greift im Wandermut
Nach Stab und Hut,
Ihn zieht es fern vom Vaterhaus
Zur Welt hinaus,
Und Freund um Freund die Hand ihm bot:
"Behüt dich Gott!"
Ein Mägdlein still beiseite stand,
Es schweigt ihr Mund,
Ihr Auge schimmert himmelblau,
Beperlt von Tau:
Dein denk' ich alle Morgen neu
In stiller Treu,
Mein Herz ist fromm und sanft mein Licht,
Vergiß mein nicht!"

Es steht der Mann im Weltgewühl,
Der Tag ist schwül,
Der Hammer klopft, die Räder dreh'n,
Die Mühlen geh'n,
Zum Beten hat er wenig Zeit –
In Kampf und Streit,
Zum Himmel blickt er kaum hinauf
Im Tageslauf,
Da bricht ein Fleckchen Himmelblau
Durchs Wolkengrau:
"Dir lebt ein Gott, des Lieb' und Treu
Allmorgens neu
Drum himmelan dein Angesicht,
Vergiß mein nicht!"

Still sitzt der Greis im Kämmerlein
Bei Lampenschein,
Er liest, es blättert leis die Hand
Im alten Band,
Und plötzlich aus dem Auge feucht
Ein Tropfen schleicht.
Der Zeit gedenkt er still und treu,
Wo's frisch und neu;
Der Hand gedenkt er tiefbewegt;
die's eingelegt;
Das welke blaue Blümlein spricht:
"Vergiß mein nicht!"

Karl von Gerok (1815 - 1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter

Frühlingsanfang.

(2. Kor. 5, 17.
Das Alte ist vergangen,
siehe, es ist alles neu worden.)

Vergebens kämpf' ich
Den heißen Kampf,
Nicht länger dämpf' ich
Des Herzens Krampf.

Verborgne Quellen,
So brecht nur auf,
Ihr Tränenwellen,
Habt freien Lauf!

Hab' lang gerungen,
Den tiefen Schmerz
Hinabgeschlungen
Ins stille Herz;

Die Welt belogen
Mit heitrem Blick,
Mich selbst betrogen
Mit eitlem Glück;

Bin nachgelaufen
Im Torenwahn
Dem bunten Haufen
Auf breiter Bahn,

Den Sinn verloren
In Schaum und Schein,
Das Herz erfroren
Ins Mark hinein;

Bis ich den Jammer
Nicht länger trug,
Und Gottes Hammer
Mein Herz zerschlug.

Da hat die Rinde
So dumpf gekracht,
Wie Eis im Winde
Der Frühlingsnacht.

Was lang verhalten,
Dringt nun hervor,
Aus tiefen Spalten
Steigts warm empor.

Das tiefste Sehnen,
Das ältste Weh,
In heißen Tränen
Quillts in die Höh.

Wo sind die stolzen
Gedanken hin?
Wie Eis geschmolzen
Der starre Sinn!

Was ich gewonnen,
Was ich getan,
Ist all zerronnen
Wie Traum und Wahn.

Ich steh in Zagen,
Ein Kindlein, da,
Und kann nicht sagen,
Wie mir geschah.

Von oben Liebe,
Die lang gelockt,
Von innen Triebe,
Die lang gestockt,

Zu süßen Bächen
Vereinigt jetzt, –
So musste brechen
Das Eis zuletzt. –

O ew'ge Liebe,
Nur immer zu,
Wenn nichts mir bliebe,
So bleibst mir du.

In Tränen walte
Nur ungehemmt,
Bis alles Alte
Hinweggeschwemmt!

Wo Herzen klopfen,
Ist Leben da,
Wo Augen tropfen,
Ist Tröstung nah.

Wenn bis zum Grunde
Mein Herz erweicht,
Dann kommt die Stunde
Des Heils vielleicht,

Wo dem Gefilde
Mit Friedenssaat
Voll Himmelsmilde
Der Sämann naht;

Wenn ausgeweinet
Die Wolken grau,
Dann erst erscheinet
Das Himmelsblau;

Dann tritt die Sonne
Aus dem Gezelt,
Dann dampft in Wonne
Das warme Feld,

Dann girrt im Laube
Mit süßem Laut
Die Turteltaube,
Die Frühlingsbraut:

»Der Schnee ist gangen,
Der Lenz ist da,
Die Blumen prangen,
Hallelujah!«

Karl von Gerok (1815 - 1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter