10 Zitate und 16 Gedichte von Karl von Gerok.

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Gottes liebste Segensengel
Melden sich im Trauerkleid.

Karl von Gerok (1815 - 1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter

Advent

Ich klopfe an zum heiligen Advent
Und stehe vor der Tür.
O selig, wer des Hirten Stimme kennt
Und eilt und öffnet mir!
Ich werde Nachtmahl mit ihm halten,
Ihm Gnade spenden, Licht entfalten.
Der ganze Himmel wird ihm aufgetan:
Ich klopfe an.

Ich klopfe an, da draußen ist's so kalt
In dieser Winterzeit;
Vom Eise starrt der finstre Tannenwald,
Die Welt ist eingeschneit,
Auch Menschenherzen sind gefroren,
Ich stehe vor verschloss'nen Türen,
Wo ist ein Herz, den Heiland zu empfahn?
Ich klopfe an.

Ich klopfe an, der Abend ist so traut,
So stille, nah und fern,
Die Erde schläft, vom klaren Himmel schaut
Der lichte Abendstern;
In solchen heil'gen Dämmerstunden
Hat manches Herz mich schon gefunden;
O denk, wie Nikodemus einst getan:
Ich klopfe an.

Ich klopfe an und bringe nichts als Heil
Und Segen für und für.
Zachäus' Glück, Marias gutes Teil,
Beschert' ich gern auch dir,
Wie ich den Jüngern einst beschieden
In finstrer Nacht den süßen Frieden.
So möchte ich dir mit holdem Gruße nah'n;
Ich klopfe an.

Ich klopfe an, bist, Seele, du zu Haus,
Wenn dein Geliebter pocht?
Blüht mir im Krug ein frischer Blumenstrauß,
Brennt deines Glaubens Docht?
Weißt du, wie man den Freund bewirtet?
Bist du geschürzet und gegürtet?
Bist du bereit, mich bräutlich zu empfah'n?
Ich klopfe an.

Ich klopfe an, klopft dir dein Herze mit,
Bei meiner Stimme Ton?
Schreckt dich der treusten Mutterliebe Tritt
Wie fernen Donners Droh'n?
O hör' auf deines Herzens Pochen,
In deiner Brust hat Gott gesprochen:
Wach auf, der Morgen graut, bald kräht der Hahn:
Ich klopfe an.

Ich klopfe an; sprich nicht: Es ist der Wind,
Er rauscht im dürren Laub.
Dein Heiland ist's, dein Herr, dein Gott, mein Kind.
O stelle dich nicht taub;
Jetzt komm ich noch im sanftem Sausen,
Doch bald vielleicht im Sturmesbrausen.
O glaub, es ist kein eitler Kinderwahn:
Ich klopfe an.

Ich klopfe an, jetzt bin ich noch dein Gast
Und steh vor deiner Tür,
Einst, Seele, wenn du hier kein Haus mehr hast,
Dann klopfest du bei mir;
Wer hier getan nach meinem Wunsch,
Dem öffn' ich dort die Friedenspforte,
Wer mich verstieß, dem wird nicht aufgetan;
Ich klopfe an.

Karl von Gerok (1815 - 1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter

Und mag, umsaust vom rauhen Nord,
Im Feld kein Blümlein blühn:
Was tut's, blüht nur im Herzen fort
Der Andacht Immergrün!

Karl von Gerok (1815 - 1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter

Quelle: Gerok, K., Gedichte. Aus: Winterlied, 1879

Winterlied

In dieser strengen Winterzeit
Wie traurig liegt das Land,
Wie schläft die Welt so tief verschneit,
Als wie im Sterbgewand!

Kein Vöglein singt den Frühgesang
Und zirpt sein Schlafgebet;
Kanm daß es unterm Schnee sich bang
Sein kärglich Korn erspäht.

Kein Blümlein blüht im grünen Gras
Mit bunter Farbenpracht,
Der Frost nur malt ans Fensterglas
Eisblumen über Nacht.

Kein Büchlein kommt mit muntrer Hast
Vom Berg ins Thal gehüpft,
Kaum daß es unter Eiseslast
Geduckt vorüber schlüpft.

Und doch — so öde Wald und Feld,
So trübe Flur und Au:
Da droben glänzt das Himmelszelt
In unverblichnem Blau.

Und Morgenrot und Abendrot
Erblühn am Firmament,
Daß, rings von Flammen überloht,
Der weite Himmel brennt.

Und nächtlich glänzt der Himmelsraum
Mit Sternen übersät,
Als wär der Welt ein Weihnachtsbaum
Von Gottes Hand erhöht.

Erhöht von eines Vaters Hand,
Die große Dinge thut
In Winterfrost und Sommerbrand,
Und meint es allzeit gut.

Drum küsse sie, o Menschenkind,
Des großen Vaters Hand,
Und sei nicht kalt und stumm und blind
Wie ein erfrornes Land!

Und wenn, verscheucht von Schnee und Eis,
Kein Vöglein Lieder singt:
Was hindert's, daß zu Gottes Preis
Dein Lied sich aufwärts schwingt?

Und wenn der muntre Wiesenquell
Zu Stein und Bein gefror:
Was schadet's, stammt nur warm und hell
Dein Herz zu Gott empor!

Und mag, umsaust vom rauhen Nord,
Im Feld kein Blümlein blühn:
Was thut's, blüht nur im Herzen fort
Der Andacht Immergrün!

Begrub im Schnee der Winterwind
Die Straßen weit und breit:
Nie wird der Weg, o Gotteskind,
Zum Vater dir verschneit!

Karl von Gerok (1815 - 1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter