20 Zitate und 14 Gedichte von Adolf Glaßbrenner.

Seite: 3

Geisterrache

Der Censor schlief, es war Mitternacht;
Da regt sich's in seinen Schranken;
Da standen die bleichen Geister auf,
Die ermordeten Gedanken.
Sie seufzten tief, sie seufzten schwer;
Sie wankten und schwankten hin und her,
Und: wehe! wehe! wehe!
Erscholl's in des Mörder's Nähe.

"Ich hatte das arme Volk zu lieb!"
Erhub der Eine die Stimme.
"Ich forderte das versprochene Glück
Mit schlecht verbißenem Grimme."
Der Dritte sprach: "Ich war munteres Blut,
Ich verwechselte ein Mal Scepter und Knut'!"
Der Vierte: "Ich war ein Tadel
Gegen den lästigen Adel."

"Ich forderte keck das freie Wort!"
"Und ich die Gleichheit der Rechte."
"Ich sagte: die Fürsten gehörten dem Volk:"
"Und ich: wir wären keine Knechte!"
"Ich höhnte die traurige Petition."
"Ich aber rief: habt ihr vergessen schon?
Unterdrückt, verbietet nur fleißig:
Ein Tausend Acht hundert und Dreißig!"

So sprachen sie alle in finsterm Groll,
Und schwuren Rache zum Himmel;
Drauf wirrt's und schwirrt's um des Schläfers Kopf
Das böse Geister-Gewimmel.
Sie krochen durch Nase, durch Ohr und Mund;
Sie rißen am Haar ihn, sie stopften den Schlund,
Sie tobten auf seiner Stirne,
Sie schrieen in seinem Gehirne.

Früh Morgens wurde dem Censor verliehn
Ein großer, langer Orden;
Er aber sah stier auf das bunte Band,
Denn er war wahnsinnig worden. –
An jenem Schrank', in der Nacht darauf,
Hing er mit dem Ordensbande sich auf,
Und draußen hörte der Wächter
Ein fürchterliches Gelächter.

Adolf Glaßbrenner (1810 - 1876), deutscher Journalist und volkstümlicher Schriftsteller, bedeutendster Vertreter der Berliner Volksliteratur

Quelle: Glaßbrenner, Verbotene Lieder. Von einem norddeutschen Poeten, 1844

Hoffnung

Wenn die Hoffnung nicht wär',
Wir lebten nicht mehr!
Sie allein kann uns trösten,
Kann lindern die Pein.
Wie gieng es denn hin, wie gieng es denn her,
Wenn die Hoffnung nicht wär'!

Die Armuth, sie weint,
Ihr Gold wird verpraßt;
Die göttliche Wahrheit,
Sie ist verhaßt!
Wie gieng es denn hin, wie gieng es denn her,
Wenn die Hoffnung nicht wär'!

Vor Gott sind wir gleich,
Hier aber liegt, ach!
In der Wiege die Größe,
In der Wiege die Schmach!
Wie gieng es denn hin, wie gieng es denn her,
Wenn die Hoffnung nicht wär'!

Nur der Adel regiert,
Der Bürger ist Sclav,
Und ist doch voll Weisheit,
Ist kräftig und brav!
Wie gieng es denn hin, wie gieng es denn her,
Wenn die Hoffnung nicht wär'!

Unser Recht vom Himmel,
Sie schlugen's entzwei;
Sie traten's mit Füßen,
Und wir dachten dabei:
Wie gieng es denn hin, wie gieng es denn her,
Wenn die Hoffnung nicht wär'!

So ha'n wir gehoffet,
Und hoffen noch jetzt;
Aber Hoffen und Harren
Macht Narren zuletzt.
Es ging besser hin, es ging besser her,
Wenn die Hoffnung nicht wär'!

Unsre Hoffnung ist der Geist,
Der die Ketten zerreißt;
Unsre Hoffnung ist das Schwert,
Gen Tyrannen gekehrt!
Wie ging es denn hin, wie ging es denn her,
Wenn die Hoffnung nicht wär'!

Adolf Glaßbrenner (1810 - 1876), deutscher Journalist und volkstümlicher Schriftsteller, bedeutendster Vertreter der Berliner Volksliteratur

Quelle: Glaßbrenner, Verbotene Lieder. Von einem norddeutschen Poeten, 1844. Originaltext

Usus est Tyrannus!

Ja, eben weil Du ein Tyrann,
Du alter Adel: Brauch,
Drum achtet dich kein freier Mann,
Drum hassen wir dich auch!
Drum ist aus deiner Despotie
Kraft und Schönheit verbannt;
Drum hat noch nimmer ein Genie
Bestrahlt dein traurig Land!

Drum ist das Höchste uns der Geist,
Die Freiheit und die Kunst,
Drum Alles, was dein Hof anpreist,
Nur eitel Trug und Dunst!
Geborner Größe lachen wir
Drum höhnisch in's Gesicht;
Drum beugt der Edle sich vor dir
Und deinen Vettern nicht!

Ja, eben weil Du ein Tyrann,
Du alter Adel: Brauch,
Drum achtet dich kein freier Mann,
Drum hassen wir dich auch!
Drum sind uns Sterne, Orden, Gold
Beweise nie des Werth's;
Doch ist das arme Volk uns hold,
Schlägt stolzer unser Herz!

Drum schaun am Strick' nicht, im Ornat
Die größten Schurken wir;
Drum schimpfen wir, wie's Luther that,
Was sich beschimpft in dir!
Drum lachen wir, wenn über uns
Dein Orden Wehe! schreit:
Wir fragen nicht nach Hinz und Kunz,
Wenn uns ein Gott gebeut!

Ja, eben weil du ein Tyrann,
Du alter Adel: Brauch,
Drum achtet Dich kein freier Mann,
Drum hassen wir dich auch!
Gelobt sei Gott, schon wankt dein Thron!
Dich schützt kein Adel mehr!
Mit Dolchen gehn die Geister schon
An deinem Schloß' umher.

Adolf Glaßbrenner (1810 - 1876), deutscher Journalist und volkstümlicher Schriftsteller, bedeutendster Vertreter der Berliner Volksliteratur

Quelle: Glaßbrenner, Verbotene Lieder. Von einem norddeutschen Poeten, 1844. Originaltext

Rentier Ochs

So dick Dein Renten-Bauch, so mager war Dein Witz,
Du zähltest, was Du warst, Dein Werth war Dein Besitz.
Was, Capital-Ochs, hier von Dir der Wurm verspeist,
Das war Dein besser Theil, Dein Adel und Dein Geist!

Seine Erben.

Adolf Glaßbrenner (1810 - 1876), deutscher Journalist und volkstümlicher Schriftsteller, bedeutendster Vertreter der Berliner Volksliteratur

Quelle: Glaßbrenner, Die verkehrte Welt. Ein komisches Gedicht, 1829. Originaltext