13 Aphorismen und 20 Gedichte des Autors Jutta Schulte.

Ich sehe was, was du nicht siehst

Und ich sah den Greis mit schleppendem Gang,
wie er gramgebeugt schlurft die Straße entlang.
Und ich sah, wie er schaut mit leblosem Blick.
Vorbei sind die Träume und Stunden voll Glück.
Und ich sah, er fürchtet das Ende, das naht.
Und er sieht keinen Tunnel, keine Brücke, keinen Pfad.
Er war niemals für den Nächsten ein Freund in der Not.
Nun steht er mit leeren Händen vor seinem Gott.

Doch ich sah auch den Greis mit der Lust am Leben;
bereit, aus der Fülle seiner Weisheit zu geben.
Ich sah ein zerfurchtes Gesicht, doch zwei funkelnde Augen;
erzählend von Liebe, von Hoffnung und Glauben.
Ich sah die Leiden des Alters, doch einen klaren Verstand,
ein Herz voller Liebe, eine helfende Hand.
Wer so gelebt hat, der wird auch verstehn,
am letzten Tag in Frieden zu gehn.

Die Erkenntnis kommt meistens viel zu spät:
"Man erntet im Alter, was man früher gesät!"

Und ich sah das Kind mit dem leeren Blick,
das niemand geliebt und ans Herz gedrückt.
Und ich sah die Wangen, die niemand gestreichelt;
sah die Zuneigung, die man nur geheuchelt.
Und ich sah, wie es sich in sein Schicksal gefügt,
scheinbar nicht würdig, daß man es liebt.
Für seine Bedürfnisse war man taub und blind.
Es war nie gewollt. Es war nur ein Kind.

Doch ich sah auch das Kind mit dem strahlenden Blick;
erhofft und ersehnt, welch unbeschreibliches Glück.
Man lehrte es Stärke, Mut und Vertrauen;
gab ihm Wärme und stärkte sein Selbstvertrauen.
Ich sah die kostbare Zeit, die man im gab.
Man stand ihm stets zur Seite mit Rat und Tat.
Es hat gelernt und es hat gespürt,
dass die Hoffnung immer als letztes stirbt.

Die Erkenntnis kommt meistens viel zu spät
"Die Kinder ernten, was die Eltern gesät!"

© Jutta Schulte (*1961), deutsche Dichterin und Aphoristikerin