3 Gedichte von Bernd Rosarius.

Die Feldpostkarte

Flach im Boden unter Sand,
ich eine Feldpostkarte fand.
Vergilbt war sie doch lesbereit,
aus fernem Land - Vergangenheit.

Ihr Inhalt hat mich sehr bedrückt.
Ein seltener Fund war mir geglückt.
Da stand in schwachen Lettern drauf:
"liebe Frau ich gebe auf".

"Wenn du die Karte bei dir trägst,
mein Herz vielleicht schon nicht mehr schlägt.
Ich liege hier im Schützengraben,
in dem so viele Männer starben.

Das Gewehr fest unterm Arm,
ein alter Mantel hält mich warm.
Über mir ein klarer Himmel,
tausendfaches Sterngewimmel.

Zwischendurch von Menschenhand,
zucken Blitze übers Land,
gefolgt von Donnerschall und Knall.
Der Feind ist heute überall.

Tief im Boden wie ein Wurm,
drückt mich die Ruhe vor dem Sturm.
Ich halte wieder einmal Wacht,
in einer sternenklaren Nacht.

Ich habe Angst, o liebe Frau,
der Tod ist nah, ich spür es genau.
Mein Gesicht voll Schmutz und Dreck,
gereicht mir nicht zum Lebenszweck.

Kaum wage ich den Kopf zu heben,
freiwillig nicht mein Leben geben.
Es wird dem Tod bestimmt gelingen,
mich hier und heute zu bezwingen.

Der Kessel steht ich komm nicht raus,
mit Sicherheit nicht mehr nach Haus.
Doch eines Frau, sei dir gewiß,
daß du im Herzen bei mir bist.

Eines darfst du nicht verkennen,
wenn unsre Herzen noch so brennen,
als Toter vielleicht unerkannt,
sterbe ich fürs Vaterland."

Die Karte fast schon aufgeweicht,
hat den Empfänger nie erreicht.
Im tiefsten Frieden lebe ich,
doch die Gedanken drücken mich,
beim Kartenlesen und danach.
Ein Toter aus dem Jenseits sprach.

© Bernd Rosarius (*1945), deutscher Schriftsteller

Quelle: Rosarius, Sturmwind. Gedankliches Inferno, 2005

Der Tautropfen

Ich mußte mir heute Zeit etwas borgen,
um einmal am taufrischen Morgen,
die Tropfen an Blätter und Halmen zu sehen,
an denen wir sonst achtlos vorübergehen.

Diesmal bin ich sehr früh schon vor Ort,
und sehe die glitzernde Nässe sofort.
Es leuchtet von fern die Fläche im Gras,
der Wind ist kalt, der Boden ist naß.

Ich beuge mich tiefer in das Gras hinein,
und spüre Feuchtigkeit am Bein.
Mein Finger sich sacht durch das Grüne drängt,
zu einem Tropfen der zitternd am Halme hängt.

Ich gebe dem Tropfen einen Stoß,
er füllt sich mit Wasser und wird dadurch groß.
Er ist so prächtig vollgefüllt,
von einer zarten Haut umhüllt.

Ich möchte sehen wie er fällt,
flugs am Boden naß zerschellt.
Ich sehe ihn schwer am Halme wanken,
ein neuer Stoß bringt ihn ins schwanken.

Und eh ich es so richtig sah,
er plötzlich schon am Boden war.
Er platzte nicht wie ich gedacht,
er hat sich etwas breit gemacht.

Auf einem umgeknickten Blatt,
er still nun seine Ruhe hat.
Doch wäre ich nicht Mensch genug
um mit dem allerletzten Zug,
ihn gänzlich nun zerstört zu sehen.
So mußte es nun weitergehen.

Meine Finger sind zerkratzt,
der Tropfen war nun doch zerplatzt.

Und ich sah der Tropfen viele,
glitzernd hell im Wechselspiele.
Was ich glaubte wohl zu sehen,
kann ich einfach nicht verstehen.

Es ist als trübte sich mein Blick,
die Tropfen waren matt und dick.
So will - so muß ich wohl erwähnen,
ich sah ein großes Meer von Tränen.

© Bernd Rosarius (*1945), deutscher Schriftsteller

Quelle: Rosarius, Sturmwind. Gedankliches Inferno, 2005