5 Gedichte von Louise Hensel.
Müde bin ich, geh' zur Ruh',
Schließe beide Äuglein zu.
Vater laß die Augen dein
Über meinem Bette sein.
Hab ich Unrecht heut getan!
Sieh' es, lieber Gott, nicht an!
Deine Gnad' und Jesu Blut
Macht ja allen Schaden gut.
Alle, die mir sind verwandt,
Gott laß ruhn in deiner Hand.
Alle Menschen groß und klein,
Sollen dir befohlen sein.
Kranken Herzen sende Ruh,
Nasse Augen schließe zu,
Laß den Mond am Himmel steh'n
Und die stille Welt beseh'n.
Louise Hensel (1798 - 1876), deutsche Dichterin, Pfarrerstochter, die zum Katholizismus konvertierte und später auch ins Kloster ging, wurde bekannt als Dichterin gemütvoller geistlicher Gedichte und Lieder
Nachtlied
Bist du schlafen gangen,
Hast genug gewacht?
Hält dich Traum umfangen?
Liebe, gute Nacht!
Hält der Traum umfangen
Dämmernd, still und sacht,
Deine Rosenwangen?
Süße, gute Nacht!
Lächeln deine Wangen
Mit der Rosen Pracht?
Wie die Sternlein prangen!
Holde, gute Nacht!
Wenn der Sternlein Prangen
Mir durch Tränen lacht,
Weicht von mir das Bangen.
Schwester, gute Nacht!
Weicht von mir das Bangen,
Hab ich ausgeklagt.
Bist du schlafen gangen?
Liebe, gute Nacht!
Louise Hensel (1798 - 1876), deutsche Dichterin, Pfarrerstochter, die zum Katholizismus konvertierte und später auch ins Kloster ging, wurde bekannt als Dichterin gemütvoller geistlicher Gedichte und Lieder
Die Flucht der Zeit
Hienieden ward dem Lenze
Ein kurzes Sein verlieh'n:
Kaum wanden wir uns Kränze,
So ist er schon dahin.
Der Sommer währt nicht lange
Mit seiner Sicheln Schall:
Kaum röthet unsre Wange
Der wärm're Sonnenstrahl.
Bald wird der Himmel trüber,
Die Frucht entfällt dem Baum –
Schon ist der Herbst vorüber,
Wir freuten sein uns kaum.
Nun steigt der Winter nieder
Und schließt des Jahres Reih'n!
Es schweigen alle Lieder.
Er gräbt die Blumen ein.
So eilen unsre Freuden,
So endet alle Lust,
So schwinden auch die Leiden,
Kaum sind wir's uns bewußt.
Louise Hensel (1798 - 1876), deutsche Dichterin, Pfarrerstochter, die zum Katholizismus konvertierte und später auch ins Kloster ging, wurde bekannt als Dichterin gemütvoller geistlicher Gedichte und Lieder
Lupin' ist ein wunderlich Blümchen,
Es lächelt ins Leben hinein,
Und denkt nicht an morgen und gestern,
Gibt heut ihm die Sonne nur Schein.
Daß still hier im Tale des Lebens
An ihm auch dein Herz sich erfreut,
Hat freundlich der ewige Gärtner
Es dir in das Leben gestreut.
Louise Hensel (1798 - 1876), deutsche Dichterin, Pfarrerstochter, die zum Katholizismus konvertierte und später auch ins Kloster ging, wurde bekannt als Dichterin gemütvoller geistlicher Gedichte und Lieder
Rastlos
Mir wird's zu eng in meinem Haus,
Ich muß ins weite Feld hinaus.
Ich will durch öde Heide gehn,
Wo Stürm' in hohen Tannen wehn;
Vielleicht verweht der trübe Schmerz,
Vielleicht schweigt dort mein jammernd Herz.
Ich will am Quellenbächlein stehn,
Will in die klaren Wellen sehn:
Vielleicht versenk' ich meinen Schmerz;
Dort schweigt ein Weilchen wohl mein Herz.
Ich will auf hohe Berge gehn,
Will weit durch ferne Fluren späh'n:
Vielleicht verliert sich dort mein Schmerz,
Vielleicht vergeß' ich so mein Herz.
Ich will nach Blumen suchen gehn,
Will mich mit Kränzen schmücken schön,
In Blüten bergen meinen Schmerz:
Vielleicht betrüg' ich so mein Herz.
Ich will – ach nein, ich will nichts mehr
Die Welt ist trüb' und kalt und leer.
Louise Hensel (1798 - 1876), deutsche Dichterin, Pfarrerstochter, die zum Katholizismus konvertierte und später auch ins Kloster ging, wurde bekannt als Dichterin gemütvoller geistlicher Gedichte und Lieder