5 Zitate und 47 Gedichte des Autors Jörn Pfennig.

Wo gehobelt wird, fallen Späne

Irgendwann hatte sie so ein Gefühl
daß die Seele ihr langsam erfriert
was Männer unter Liebe verstehn
das hat sie noch nie kapiert
sie hat ihren inneren Koffer gepackt
und zog in eine andere Welt
wenn schon, denn schon, sagte sie sich
und machte die Liebe für Geld.

Wo gehobelt wird, fallen Späne
und es brennt nun mal kein Schnee
ohne Wind bläht sich kein Segel
ohne Wasser vertrocknet ein See.

Wo gehobelt wird, fallen Späne
wo's nicht regnet, wächst nichts mehr
ein nasses Streichholz gibt kein Feuer
und ohne Pulver schießt kein Gewehr.

Sie wollte nicht mehr wohlerzogen sein
wollte nicht mehr so verlogen sein
sie ließ sich nehmen und nahm dafür
sagte dann: "Mein Herr, da ist die Tür ..."
Die Männer lagen ihr zu Füßen
krochen vor ihr auf den Knien
sie ließ sie alle, alle büßen
hat keinem ihren Kummer verziehn.

Wo gehobelt wird, fallen Späne ...

Man sieht sie immer öfter in der Kneipe
wo sie ihre Gedanken ersäuft
und sie sagt, sie weiß genau, wo die Grenze
zwischen Seele und Körper verläuft
und während sie das Geld auf die Theke knallt
sagt sie laut, daß es jeder hört:
Die Liebe hat wenige glücklich gemacht
doch viele hat sie zerstört!

Ich bin eine ehrliche Hure
und was mir die Liebe gab
das konnte ich immer zählen -
es reicht für die Inschrift am Grab:

Wo gehobelt wird, fallen Späne
und es brennt nun mal kein Schnee
ohne Wind bläht sich kein Segel
ohne Wasser vertrocknet ein See.

Wo gehobelt wird, fallen Späne
wo's nicht regnet, wächst nichts mehr
ein nasses Streichholz gibt kein Feuer
und ohne Pulver schießt kein Gewehr.

© Jörn Pfennig (*1944), deutscher Dichter und Lyriker

Quelle: Pfennig, Grundlos zärtlich. Gedichte, 1979