5 Zitate und 47 Gedichte von Jörn Pfennig.

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Ich kenne Leute, die sprechen von Liebe ...

Ich kenne Leute, die sprechen von Liebe
nur wenn sie tapfer sind.
ich kenne Leute, die sprechen von Liebe
nur wenn sie besoffen sind.
Ich kenne Leute, die sprechen von Liebe
und meinen Ehepflicht.
Ich kenne Leute, die sprechen nicht von Liebe
weil man über so was nicht spricht.
Andre wieder scheinen zu meinen
die Liebe ist Mittel zum Zweck
und geht, wenn der Zweck erreicht ist
von alleine wieder weg

und dabei hocken sie stolz wie die Pfaun
auf ihrem eigenen Seelenmist
und wissen ja alle so genau
was Liebe wirklich ist!


Ich kenne Leute, die sprechen von Liebe
und meinen Abhängigkeit
Ich kenne Leute, die sprechen von Liebe
und meinen Lebenslänglich zu zweit.
Ich kenne Leute, die sprechen von Liebe
und meinen Menschenbesitz.
Ich kenne Leute, die sprechen von Liebe
als sei es ein schlechter Witz.
Wieder andre scheinen zu glauben
die Liebe ist nicht mehr da –
die ist ja schon vergeben
an Farah Dhiba und den Schah

und dabei hochen sie ...

Ich kenne Leute, die sprechen von Liebe
als gäbe es sie überhaupt nicht.
Ich kenne Leute, die sprechen von Liebe
und werden dabei rot im Gesicht.
Ich kenne Leute, die sprechen von Liebe
als sei's das beste Stück vom Rind.
Ich kenne Leute, die sprechen von Liebe
als sei es ein kränkelndes Kind.
Andre wieder sehn in der Liebe
eine Fortpflanzungstätigkeit –
getreu nach den Worten des Papstes
und der weiß ja schließlich Bescheid

und dabei hocken sie ...

Der eine ist katholisch
der andre ist naiv
der eine ist verbittert
der andre primitiv
der eine ist falsch erzogen
der andre ist verklemmt
der eine ist zynisch
der andre impotent
der eine ist ein Ferkel
der andre ist ein Christ –
die Hauptsache ist nur: sie wissen
was Liebe wirklich ist!

© Jörn Pfennig (*1944), deutscher Dichter und Lyriker

Quelle: Pfennig, Grundlos zärtlich. Gedichte, 1979

Papa-Kopf Mama-Herz

Weißt du, mein Kind
das ist eben so
sagte ihm ganz früh sein Vater schon:
der Papa ist der Kopf
und die Mama das Herz
der Familie – verstehst du mein Sohn!

Weißt du mein Junge
das ist eben so
hat man ihm danach so oft erzählt:
Bube sticht Dame
ein Junge heult nicht
und Männer regier'n diese Welt!

Weißt du, Kumpel
das ist eben so
hat man ihm später dann beigebracht:
Mädchen müssen spuren
was nützt dir eine
die nicht gleich die Beine breitmacht?

Wissen Sie, junger Mann
das ist eben so
hat man ihm noch später öfters erklärt:
wir nehmen lieber Männer
für diesen Job –
Frauen machen zuviel verkehrt!

Dann hat er als Kopf
ein Herz geheiratet
getreu bis in den Tod
beschaffte das Geld
regierte seine Welt
und hielt sie nach Kräften im Lot.

Nach einiger Zeit jedoch
brachte seine Frau
diese dummen Parolen nach Haus
von der Emanzipation
und behauptete: die Männer
beuten die Frauen nur aus!

Anfang hat er sie
nur ausgelacht
dann ging sie ihm auf die Nerven
daß er drohte
wenn sie so weitermacht
sie einfach rauszuwerfen!

Als sie daraufhin sagte
sie gehe von selbst
da sah er nur noch rot –
er konnte sie nicht verstehn
und aus Hilflosigkeit
schlug er sie halb tot . . .

Jetzt steht er vor Gericht
und weiß nicht, warum
was er gelernt hat, nicht mehr zählt –
noch immer hilflos –
steht er vor den Trümmern
einer zusammengebrochenen Welt.

© Jörn Pfennig (*1944), deutscher Dichter und Lyriker

Quelle: Pfennig, Grundlos zärtlich. Gedichte, 1979